Der verkannte Gott - Kirchen und ihr Gottesbild

Gerhard Krause, Oktober 2020

Liebe Margot Kässmann,

Nicht der Kirche, sondern Gott gehört der Glaube geschenkt. Kirche ist nur Werkzeug, quasi Fahrstuhl, den zu nutzen nach Oben zu bringen vermag. Darin dürften wir uns einig sein.

Til Schweiger hat den Glauben nicht verloren, sondern nie gefunden! Es ist altes Verhalten, Gott anzulasten, was Kirche an Enttäuschungen bietet. Diese fatale Fehlentwicklung hat zunächst die Romkirche dadurch verschuldet, mittels Glaubensbekenntnis die Gläubigkeit von Menschen an die Institution in ihrer Überbewertung zu binden. Damit blieb Gott in Wahrheit außen vor, was auch Ihre Kirche - trotz aller reformistischen Bestrebungen - nicht zu richten versteht. Oder wo befindet sich bei Ihnen der spiritualistische Anteil einer wirksamen Geisterwelt, wie Jesus sie (Joh. 14:26) versprach? Der großkirchlich betreute Christenmensch wird nicht vom lebendigen Gottesgeist abgeholt und auf dem Pilgerweg geleitet, sondern von einem selbstgefälligen Klerus, der tunlichst darauf achtet, dass der kirchliche Laden brummt und die Liebe Gottes aus kluglächelnden Gesichtern und süßen Worten der Hirtenschar gefälligst abzulesen sei.

Nein, liebe Frau Kässmann, dies soll keine Kirchenschelte sein, sondern Erklärung dafür, dass unzählige Til Schweigers ihre Religiosität auf irdischen Trampelpfaden verlieren, anstatt den Fuß auf die Autobahn zum Herzen Gottes gestellt zu bekommen. Für diese Dienstleistung steht jedenfalls meine freie, spirituelle Kirche.

Auch ich habe als Geistlicher oft beerdigt und die Schmerzen und Verzweiflung Hinterbliebener miterlebt. Doch wenn ich dem Schaufelwurf „Erde zu Erde, Asche zu Asche" dann richtigerweise „Geist zu Geist" hinzufügte, konnte ich den Trost in den betränten Augen erkennen: Ja, hier bürgt die Liebe des Schöpfers für ein Überleben - das des Geistes!

Sie stricken mit dem „Bekenntnis": „Auch Pfarrer zweifeln" eine Art Solidarität. Vielleicht vergaßen Sie zu erwähnen, dass sich Selbstzweifel ergeben können; sich selbst zu hinterfragen dient der Klarheit und entlarvt Selbsttäuschungen.

Sorry, ich zweifle nicht an Gott und dass alles von Ihm bestens ist, nur von mir noch nicht verstanden worden ist! Und weil Leid niemals (!) den Händen Gottes entströmt, sondern Wirkungen auf selbstgesetzte Ursachen ist (dazu müsste man jetzt auf reinkarnative Auswirkungen - von denen Ihre Kirche so wenig zu verstehen scheint, hinweisen), stellt sich dem wissenden (Geist-)Christen die Gott hingeworfene Frage nach dem „Warum?" nicht!

Sie haben recht: Gott ist kein Wunschautomat, in den man eine Gebetsmünze wirft und nur noch auf die eigene Erwartung fokussiert ist. Dies hat Til Schweiger noch nicht verstanden. Wenn der Allmächtige anbetrachts des Leids mitweint, wie Sie vermuten, dann dürften Seine Tränen Perlen der Liebe, der Gnade und Barmherzigkeit sein.

Wollen Sie und Ihre Zunft sich nicht das Bedauern darüber, dass Menschen wie Til Schweiger „wegen der Kirchensteuer nicht dabei sind" ersparen, sondern eher bedenken, dass es nicht gelungen ist, die beglückende Kraft des Gemeinschaftsgeistes zu vermitteln? Mea culpa muss kein Fehler sein. Und Sie proklamieren - wie großherzig wohl - den seelsorgerischen Beistand und verweisen explizit auf offenstehende Türen. Sind wir denn „Mietlinge" anstatt Hirten, deren Verständnis Fürsorge und Liebe wie selbstverständlich dem seelsorgerischen Wesen entfließt?! Wenn dies als Leistungsprodukte anmarkiert und ins Wort gebracht wird, sind Demut, Selbstlosigkeit und Dienerschaft mit falscher Haltung besetzt.

Gott, diese Allmacht, soll „wie wir ohnmächtig" gegenüber Krankheit und Gewalt sein? Da menschelt es aber noch kräftig, verehrte Frau Pfarrerin und - freuen Sie und ähnlich denkende Zeitgenossen sich doch darauf, es warten noch großartige Erkenntnisprozesse auf Sie und jene, denn offenbar sind Sie keine Gotteskenner. Aber was nicht ist, wird ganz sicher noch werden, denn Gott liebt Sie und die Til Schweigers.

Gerhard Krause, Pfr. Geistchristliche Kirche e.V.