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0097

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Ansichtssache

Nicht etwa, dass ich mich nicht über eingehende Urlaubs- und sonstige Grüße  per  E-Mail  oder  SMS  freuen würde, nein, und doch sind elektronische Zeilen und handy-Texte nicht mein Fall!
Wo sind die Zeiten geblieben, wo man sich noch die Mühe machte darüber nachzudenken, welche der vielen Ansichtskarten für wen am besten geeignet wäre? Worte vom PC wirken auf mich irgendwie unterkühlt und vermögen mein Herz kaum zu erwärmen. Es ist, als wolle man mir aus der Steckdose ein opulentes Mahl servieren und ich solle den feinen Geschmack des Menüs auf meiner Zunge verspüren.
Den Anstoß Bildkarten zu sammeln, gaben für viele von uns die früheren Autogrammkarten  - schwarz/weiß noch die meisten und mit der Unterschrift des Künstlers auf der Vorderseite. Sie erinnern sich? Buly Bulan (schrieb der sich so?) grinste unter seinen dicken Augenbrauen seine Fans an, Peter Alexander als fescher Jungmann, Sonja Ziehmann,  Schlagersternchen,  Filmstars oder der lausbübische Fredy Quinn. Ach hätte man diese Karten noch! Sie passten in die Zeit der Ansichtskarten und ergänzen Erinnerungen aus 30, 40 oder gar 50 Jahren Vergangenheit.
Was nicht alles zu sehen war, auf den Karten. Weltstädte und bescheidene Stadtansichten, Dörfer warben für sich und idyllische Landschaften konnte man sich betrachten. Bekannte Denkmäler waren aufgenommen und allerlei Tierhaftes aus deutschen Zoos. Ich pfeife auf Worte auf DIN A-4 Papier, die der Drucker auswirft und ergötze mich an meinen Ansichtskarten,  deren Kernbestand die elterliche Foto- und Sammelleidenschaft beweist. Viel zu selten nehme ich mir den alten Schuhkarton vor, um in den bildhaften Schätzen zu wühlen und aufgrund der alten Aufnahmen darüber zu staunen, wie sehr sich die Welt in wenigen Jahrzehnten zu verändern vermochte.
Ganze Geschichten verbergen sich alleine hinter den hingekritzelten Grußzeilen auf den abgegriffenen Karten. Mutti schrieb uns Kindern, wo sie in den fünfziger Jahren mal eine alte Schulfreundin für wenige Tage besuchte.  Urlaub? Kannte man nicht. Papa grüßte von einer Geschäftsreise aus Nürnberg, obwohl er bestimmt gleichentags wieder zu Hause gewesen sein dürfte. Und wir Kinder meldeten uns von Schulausflügen oder einem Landheim, was für uns schon die große Welt war. Wie sich die Aussagen doch gleichen und auf das Wesentliche beschränken:  "Gut angekommen!",  "Schönes  Wetter  hier",  "Hab  euch lieb!". Es war dem blauuniformierten Postboten, dessen große, schwarze Leder-Umhängetasche voll von solchen Karten, allerlei Briefen und den beliebten Zahlungsanweisungen war, zu verdanken, dass die Familien im 2. Stockwerk sich an dem miterfreuen konnten, was für die Familie im 5.Stock bestimmt war; weil er lauthals schon im Treppenhaus vorzulesen begann, woran alle mehr oder weniger interessiert waren. Man hatte halt keine Geheimnisse voreinander und teilte  Freud  und  Leid, soweit man es ertragen wollte.
Ansichtskarten sind mehr als fotografische Ergüsse oder bunte Bilder, sie waren und sind Brücken der Liebe und Zuneigung. Ein Mensch denkt freundlich an einen anderen und möchte ihn an einem Erlebnis teilhaben lassen. Es lädt geradezu ein, diese Kapelle oder Kirche, die da abgebildet ist, zu betreten und mich in die Andacht zu begeben. Wie billig, weil aufgemotzt wirken dagegen diese Computerausdrucke. Ab und zu entdecke ich eine Karte, auf die ein frommer Spruch aufgedruckt ist ("Der Herr ist dein Hirte... ") und du fühlst dich dadurch wie in ein Gebet hineingeführt und gibst, per Gedankenflut, GOTT die Ehre" Erschwinglich war diese Art der kurzen Korrespondenz. Briefmarken von 5 Pfennig entdecke ich, dann 20 Pfennige, Tendenz steigend. Dazu gab es dann als schmückendes Beiwerk oft genug einen Sonderstempel dazu.
Ade schöne Kartenwelt? Nicht wirklich! Man höre und staune: 83% befragter Mitmenschen bekannten sich dazu, sich an Ansichtskarten zu erfreuen  - und das in heutiger Zeit, wo man diese Form der Post für angestaubtest halten könnte. Irgendwelche müssen ja Spaß am Kartenschreiben haben, wie sonst könnte sich dann eine so hohe Anzahl Empfänger für die offene Briefart begeistern? Da können wir also eine heimliche Volksleidenschaft vermuten. Also sind wir doch keine Schreib- und  Kartenmuffel,   trotz  Computergesülze,   elektronische Virengefahren und kürzelverseuchtes Tastaturgehabe.   Das ermuntert  mich,  meine  vererbte  reichhaltige  Kartensammlung wiederum meinen Kindern zu vermachen. Mehr noch, werde ich mir künftig von Walfahrts- und Urlaubsorten selber Kartengrüße ins Haus schicken und bemüht sein, dadurch die bildhaften  Kuriositäten  auszuweiten.  An  Burgen,  Schlössern, Museen, Bergen, Seen und manchem berühmten Konterfei werden sie sich erfreuen können und malerische oder fotografische Echtheit von synthetischem Abglanz unterscheiden lernen. Und was Bildabrufe per Satellit betrifft: interessant aber langweilig! Wo bleibt denn da das Überraschungsmoment im Briefkasten und die Freude darüber, von einem lieben Menschen in Wort und Bild bedacht worden zu sein? Bleibt nur zu wünschen,dass unsere Nachkommen gleichen Sinnes sein werden...

gerhard krause