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0088

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Das gesprochene Wort (1)

Wer Analphabetismus der Dummheit oder Asozialität zuschreibt, verkennt völlig eine ernste Problematik. Nach einer Schätzung der UNESCO, gibt es in unserem Land etwa fünf Millionen Analphabeten. Es liegt eben nicht an der Intelligenz der meisten Betroffenen, auf das gesprochene Wort angewiesen zu sein, sondern psychische Blockaden, Krankheiten und andere Unglückseligkeiten sind es, die das Defizit verursachen.
Befassen wir uns also mit dem gesprochenen Wort, mit der verbalen Kommunikation, mit Informationsaustausch, Debatte, der hörbaren Vermittlung von Gedanken, Emotionen und allem, was wir über unsere Lippen bringen wollen. Dies können wir laut oder leise, stammelnd oder flüssig, schlampig oder deutlich, sanft oder deftig, gewählt oder unflätig, verständlich oder unverständlich übermitteln. Bei uns in unserer Sprache  - versteht sich. Versteht sich das wirklich?
Ein bisschen irritiert musste ich kürzlich die Forderung der Staatsministerin für Integration im Kanzleramt, Maria Böhmer, lesen: "Deutsch als Schulsprache sollte eine Selbstverständlichkeit sein."  Ja wo samma denn?! Ich dachte, dies wäre klar...
Damit wären wir bei der Qualitätsfrage all des Geplappers angelangt. Fontane sagte: "Der Mensch unterscheidet sich vom Tier, dass er redet. Wer am meisten redet, ist am meisten Mensch."
Aha! Den Wert dieser Wertung bewerte ich mit kühner Frischbehauptung, dass sich demnach: "Der Mensch sich vom Tier durch das bewußte Gebet unterscheidet. Wer am meisten betet, ist zuerst Engel...!"
Solch fragwürdige Wortspielereien mögen uns zum  biblischen Wort führen, wo es an merkwürdigen Schlussfolgerungen eher mangeln sollte.
"Der Ton macht die Musik",  "wie es in den Wald hineinruft, schallt's  heraus" und wer wem was wo und wie sagt, dürfte entscheidend sein. Mit der Gabe des Sprechens gab uns der Schöpfer ein großes Machtmittel und  - damit verbunden -  eine noch größere Verantwortung! Das Wort kann Segen oder Fluch sein, Rettung oder Verderben, für Klarheit oder Verwirrung sorgen, Lüge oder Wahrheit sein. Wer kennt sie nicht, die "gespaltene" oder die "spitze" Zunge? Es gibt Zeitgenossen,  denen zuzuhören musste einem legitimieren, sich den Waffenschein fürs   Scharfgesagte zeigen zu lassen. Dann gibt es Mitmenschen, deren Worte unserer Seele schmeicheln und wohltun. Was taugt die vollendete und geschulte Wortbeherrschung, die Kunst der Wortwahl und eindrucksvolle Rhetorik, wenn die Sprachkompetenz herzlos ist und der Tonfall eine Frequenz belegt, die uns nicht anspricht? Erstaunlich,  aber 38% unserer Aussagen werden über die Modulation, sprich den Tonfall der Stimme übermittelt; der Rest dann nonverbal, d.h. über die Körpersprache und den Aussagegehalt des Textes. Es kann kein Fehler gewesen sein, meinen Kindern sehr früh beizubringen: "Vor Gebrauch des Mundwerks das Gehirn einschalten!", damit der Zuhörer, der Gesprächspartner ordentlich mit den Aussagen bedient wird.
Eine Umfrage ergab, dass immerhin drei von zehn Bundesbürger Unfreundlichkeiten nicht ausstehen können. Sie und ich gehören dazu, stimmt's ? Unser Herr Jesus musste sich während seiner Mission eine ganze Menge Harne, Unverschämtheiten und Unsinn anhören. Er hingegen sprach Klartext, war kritisch; doch ein unfreundlicher Mensch war er gewiß nicht.  Liebe lästert nicht,  Respekt verachtet nicht, Mitleid umarmt. Dialogisieren, sich austauschen, das ist nicht nur zuhören, sondern vielmehr hinhören !
Jeder glaubt zu wissen, was der andere zu sagen hat und man lässt deshalb nicht ausreden und unterbricht den Redefluss des Gesprächspartners. Eine Unsitte, von der letztendlich niemand profitiert. In meinen früheren Gesprächsgruppen, stellte ich zur Beachtung eine Hauptregel in den Vordergrund: "Was  will mir der andere sagen?" Und Regel Nr. l bei Eheberatungen: Ausreden lassen!
Sage und schreibe 95% der Frauen und 98% der Männer erwarten ein offenes Ohr!  Wird diese Erwartung nicht erfüllt,  sieht man schnell rot und böse Worte fallen. Oder es wird im Laufe der Zeit resigniert und die inneren Sender und Empfänger stummgeschaltet. Dann hat man sich nichts mehr zu sagen...
Dieser Gruppe können etliche derer zugeordnet werden, die stolz darauf verweisen, "seit über dreißig Jahren nicht gestritten" zu haben. Wenn Reden wie befreiendes Wasser ist, gehört es nicht gestaut, meine ich.  Schwerhörigkeit  oder  Begriffsstutzigkeit, also schwerfälliges Denken,  klammern wir dabei als "Mundverschluß" mal aus. Noch bedenklicher ist, wenn der Gesprächsteilnehmer Interesse nur vorspielt und alles Gesagte, innerlich unbeteiligt, nur abnickt. Nun ja, das kann mein Goldfisch auch.
"Wer Reden und auch schweigen kann zur Zeit, der ist ein weiser Mann."
(Hugo von Trimberg)

                  Fortsetzung folgt!