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0073

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Vom Wohl und Wehe unserer Kirchen (2)

Die letzte der in der vergangenen Folge aufgeworfenen analytischen Fragen zu den krisengebeutelten Großkirchen, lautete:
- Ist's eine Krise, wie sie überall mal auftreten kann?

Über die immobiliäre Verrücktheit, trotz permanenten Geldmangels immer noch kirchliche Neubauten in die Welt gesetzt zu haben, sprachen wir bereits. Alleine die Nebenkosten bescheren manchem Pfarrer schlaflose Nächte. Die Stammapostel nebst Paulus wußten schon, warum sie die Gottesdienste, sprich Andachten in die Hauser von Gemeindemitgliedern oder Ältesten verlegten. Wie heute in der geistchristlichen Kirche wieder, waren die Gemeinden klein, überschaubar und  - wenn's auch finanztechnisch klingt - im Aufwand bezahlbar! 83% aller Ausgaben der Evangelischen Kirche flössen in die Personalkosten, so die Hannover'sche Bischöfin Margot Käßmann. Ist das Glaubensvolk davon zu überzeugen, dieser immens  hohe  Kostenanteil  wäre  gerechtfertigt?  Freilich verbindet sich mit jedem Kirchenbediensteten die vielleicht dilettantische Idealvorstellung, die Arbeit sei irgendwie samaritisch. Aber ist das so?
Ein Pfarrer gestand mir seine Existenzangst ein. Nächtelang weilte er im Gebet um herauszufinden, ob seine Kirche noch die seine sei. Unkündbarkeit in einer Zeit,  in der sogar fähige Akademiker und hochmotivierte Fachkräfte in Arbeitslosigkeit leben, verlangt auch manchem Geistlichen einen hohen Preis ab! Wo Ausgeglichenheit, innere Kraft und Überzeugung zum unverzichtbaren Rüstzeug des Priesters gehören, dürfen weder Leid und Zweifel, noch resigniertes Schweigen bestimmend sein. Krisenstimmung des Seelsorgers, der Seelsorgerin, als Reflexion auf die defizitäre Situation des Arbeitgebers? Welcher Qualität sind dann die Arbeitsergebnisse?
Mag sein, dass viele berufen sind, doch die Ordination verleiht doch wohl sogar den Status des Auserwähltseins, oder? Darf solches (Selbst-)Verständnis zum Job herabgemindert werden? Die Gläubigen brauchen ihre Hirten mit Leib und Seele! Nur wer GOTT im Mittelpunkt seines Lebens und die geldlose Nächstenliebe in sich hat, kann diesem Anspruch gerecht werden, so meine ich.
Womöglich verdirbt Geld den Charakter;  die  Reputation einer Kirche aber leidet bestimmt, wenn des Geldes Bedeutung den verantwortlichen Gemütern die Kraft raubt. Die Gehaltslisten der beiden großen Kirchen weisen 1,3 Mio. Beschäftigte aus. Dies kostet ein irres Geld! Nur der Staat beschäftigt mehr Menschen. Wie angreifbar und banal das Argument auch sein mag, gültig bleibt es doch: Jesus arbeitete umsonst! Für "Gottes Lohn" zu arbeiten  - also nur die  nötigsten Bedürfnisse gestillt zu sehen, realisieren viele uneigennützig wirkende Ordensangehörige und auch in den freien Kirchen dürften die ehrenamtlich Tätigen überwiegen. "Du sollst einem Ochsen während er drischt, das Maul nicht verbinden." l. Kor. 9:9 beruft sich da auf die alte Mose-Aussage (5.Mose 25:4), will sagen: Lebe von deiner Hände Arbeit, partizipiere daraus. Einverstanden. Mieten, Lebensunterhalt und - soweit erlaubt - Familien, aber auch gesonderte Ansprüche, zwingen in die Gehaltsregelung. Landesbischöfin Käßmann wirbt denn auch um Verständnis und meint, wer soviel studiert habe, dem sei die Gehaltshöhe eines Studienrates zu gönnen. Ob sich Jesus aus ähnlichen und damals schon opportunen Gründen, einfache Männer und eben nicht die ach so gescheiten Pharisäer und Schriftgelehrten an seine Seite geholt hat?
Seelsorgerische Arbeit und auch Randtätigkeiten, erfordern m. E. primär eine seelische Intelligenz, ist eine Herzensangelegenheit und zahlt GOTT der Herr nicht mit gleicher Münze zurück? Wäre bei einer Personalpolitik, die sich mit Glaube, Wahrheit, Seelenbetreuung und Himmelsspezifika abzustimmen hat, eine "Ausdünnung" der Personaldecke denn so undenkbar? Macht das nicht inzwischen jeder überlebenswillige Betrieb; wenn auch für viele leider? "Gesundschrumpfen" nennt man das auch und Gesundheit muss die kirchliche Substanz vorweisen, wenn sie anderen Halt und Hilfe sein soll.
Was jedem Christlein aberwartet wird, sollte den Führern selbstverständlich sein, wenn sie nicht in den Verdacht geraten wollen, Wasser zu predigen und selber Wein zu trinken! Altruismus, Verzicht, Anspruchslosigkeit, Bescheidenheit, Genügsamkeit, Güte, Großzügigkeit. Was ist damit? Manche leben es, viele nicht. Wenn unverschuldet in Not geratene Obdachlose an den Pfarrhäusern abends mit 5 Euro abgespeist werden und dann völlig aufgelöst zu mir kommen, dann weiß ich wovon ich rede. Auch dem chronisch unter Geldmangel leidenden Martinus Lutherus, waren investitative Güter geistigen Wertes wichtiger! (Siehe: Der Jahrhundertdialog' LUTHER IM GESPRÄCH MIT HEUTE, 216 S. leuchter-hand-Verlag, Raiffeisenstr.11, D-67271 Kindenheim, EUR 19,90).

- Ist's denn die Lehre selbst, an die sich die Anhänger nicht mehr klammern möchten?

Es wird viel geredet, über "Spiritualität" und dem "Geist Gottes". Doch wo, bitteschön, findet sich denn dieses urchristliche   Grundkapital   geistigen   Ausmaßes   in   den Monströsbauten? Keiner kann es mehr leugnen: Der moderne Christenmensch sucht stärker denn je die spirituelle Seite seiner Kirche. Nicht nur Kirchentage beweisen, vor allem bei jungen Leuten, eine große Sehnsucht nach etwas, was nur schwer zu finden ist. Die verlangende Seele ist nicht mit Spektakel, Theater und fetzender Musik zu sättigen. GOTTes Wort spielt eine eigene Melodie, eine unvergleichliche und unersetzbare. Das scheinen manche Pfarrkräfte vergessen zu haben. Die edle Schlichtheit eines stimmungsvollen Glaubenslebens, verträgt sich nicht mit Showeffekten. Kirche will als Altar und nicht als Bühne erlebt werden.
Wenn der breite Wunsch nach spiritueller Note ausgerechnet in eine Zeit fällt, in der gleichzeitig eine materielle Entfrachtung, wie die Entwidmung von Kirchengebäuden, unumgänglich ist, dann muß das kein Zufall sein. Wenn in jeder negativen Erfahrung eine neue Chance liegt, dann ist es die, zu altbewährten Grundwerten christlichen Angebotes zurückzukehren! Man muss kein altmodischer Konservativist sein, um sich wieder 'Kirche mit Seele' und eine Geistlichkeit zu wünschen, die neben dem Talar das Gewand der Würde trägt. Dies trüge zu einem neuen und doch altvertrauten Profil bei und könnte - mit ins Licht Gerückten Primärtugenden -  wieder zu einem vertrauensschaffenden Drehpunkt werden. Es liegt also am Menschen und an der Handhabung des kirchlichen Auftrages, wenn Interesse und Zulauf schwinden.
Bei allem Interesse für betriebswirtschaftliche Zwänge, darf das materielle Diesseitsinteresse nicht mehr Gelder, Zeit und Energie verschlingen, als der guten, christlichen Religion zumutbar ist. Lasst uns alle die Jenseitslehre, für die Jesus Christus das Kreuz auf sich nahm, nicht vernachlässigen, ansonsten sich die Neue Kirche anderswo wird formieren müssen. GOTT die Ehre!
Gerhard Krause