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0007

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Elternlos

Die meisten von ihnen blicken mich eher traurig an, die Menschen, denen ich die Hände halte und die meinen Händedruck mit der nachlassenden Kraft von Menschen erwidern, deren Energien sich in langen Leben verloren. Es sind alte Mitmenschen, von denen ich spreche und ich besuche sie Im Altenheim oder, wenn's besser gefällt, auch "Seniorenheim" genannt.
Selbst nicht mehr so taufrisch frage ich mich dann, ob später meine Augen auch so müde, so enttäuscht blicken werden? In Gesprächen erkunde ich den Inneren Zustand dieser alt-, krank- und vergeßlich gewordenen Mitmenschen und erfahre selten Fröhlichkeit, meist aber Resignation und fast immer Enttäuschung. Mich um die Seelen zu sorgen ist meine Aufgabe, also frage ich nach den Gründen aller Traurigkeit und muß immer wieder die gleichen Geschichten hören. Lebensgeschichten sind es und sie zeugen von einer Mutter, von einem Vater, von Menschen, die sich einfach nach ihren Kindern sehnen! Muttertag. Ich habe schon morgens um 10 Uhr die Mittelklassewägen und polierten Luxuskarossen vor dem Altersheim anrollen sehen. Gutgekleidete Bürger schleppen Blumen und Pralinen - die "Kinder" der Heiminsassen. Größtenteils hat sie selbst schon das Alter eingeholt und doch blicken manche bereits beim Eintritt in das Haus auf die Uhr und mahnen sich still zur Eile. Muttertag ist es und dem verbleibenden Elternteil gehört gratuliert! Ein schöner Brauch? Ein trauriger Brauch! Denn jahrzehntelang haben sich diese müdegewordenen Menschen, die oft nur noch dem Sterben entgegenverwaltet werden, für ihre Kinder verbraucht, waren nicht nur an einem Tag im Jahr präsent, sondern töteten Tag und Nacht Leib, Leben ihrer Kinder und sorgten sich um deren Wohl. Wer noch nicht am Krankenbett seines fiebernden Kindes gewacht hat, weiß nicht wovon ich- spreche. Mittags dann, an solchen Besuchstagen, sind die meisten Heimbesucher wieder unterwegs, um sich im nächsten Restaurant von der Heimluft und Besuchsstrapaze zu erholen; ohne Mutter, ohne Vater, denn die sind doch im Heim gut aufgehoben und haben ihre Ordnung...

Nein, es ist nicht in Ordnung wenn sich Familien trennen, wenn unsere Altvorderen aus der generativen Entwicklung des Familienlebens ausgeschlossen werden. Ich spreche nicht von den Fällen, wo die Unterbringung in einem Altersheim tatsächlich die beste und oft einzige Lösung ist und wo ich sehen kann, daß Heimleitung und Personal sich bemühen, trotz der notwendigen und deshalb oft strengen Hausregeln, Mitmenschlichkeit zu verbreiten. Ich spreche von all den anderen, für die sich kein Plätzchen im Haus der Kinder findet, weil ein Hobbyraum oder Esszimmer mehr eingerichtet werden "muß". 
Um nicht ungerecht zu sein: Nicht immer haben es Eltern geschafft, keinen Grimm in ihren Kindern zu erwecken. Fehler wurden gemacht - große manchmal. Doch das "Ex und Hopp-Prinzip" unserer Wegwerfgesellschaft darf sich auf keinen Menschen, auf kein Lebewesen, beziehen!

"Ihr Kinder seid euren Eltern gehorsam. Denn so entspricht es dem Willen GOTTes." (Eph.6:1).  Die Bibel mahnt und erinnert auch dich an ein Gebot, das wir das 5. nennen sollten: "EHRE DEINEN VATER UND DEINE MUTTER (...)" Unsere Welt kennt tausende von Gesetzen und Untergesetzen und dies alles nur, um ein einigermaßen geregeltes und friedliches Miteinander zu ermöglichen! GOTT gab uns nur ganze 10 Gebote und eines davon betrifft die Würdigung der Elternschaft, so wichtig ist sie Ihm! Und GOTT sagt dir, als Kind deiner Eltern, auch warum: "(...) damit du lange lebest, dort wo GOTT der Herr dich hingibt." Wer sich also in seinem Leben von GOTT führen lässt, der weiß sich an einem gesegneten Ort und wer dort lange sein möchte, der verdiene es sich durch Liebe und Respekt zu seinen Eltern. Tu dies, solange du kannst!, denn Tränen am Grabe erwärmen nicht mehr das Herz.
GOTT weiß um Freud und Leid von Eltern, denn ER ist Vater und Mutter in einer Person und ER kennt unzähligfach den Schmerz, den verlassene, vergessene und verkannte Eltern durchkosten. GOTT wird an deinem Richtertag zwar deine Ausreden hören, aber den Verstoß gegen eines Seiner Gebote, mehr noch gegen die Nächstenliebe, wird ER ahnden. Weil ER gerecht ist!

Auch ich habe Kinder und versuchte bewußt und unbewußt den Lehrsatz zu leben “Ihr Väter, erwecket nicht das Gefühl der Erbitterung in den Herzen eurer Kinder, sondern erziehet sie so, daß ihr sie in einer Art unterweiset, wie sie den Kindern angepaßt ist, und ihnen die rechte Einsicht in die Lehre des Herrn vermittelt."(Eph.6:4) Jedes Menschenkind hat seinen eigenen Charakter, weil jeder Geist individuell von seiner Belehrbarkeit oder Unbelehrbarkeit geprägt ist. Dieser Individualität war und ist in der Erziehung zu entsprechen. Die LIEBE sei tragend, die ORDNUNG geschützt und die STRENGE dann einzusetzen, wenn sich Morallosigkeit, Schludrian oder Respektlosigkeit durchsetzen wollen. Wer seinen Kindern "die rechte Einsicht in die Lehre des Herrn" zu vermitteln bemüht war. hätte es verdient an der Entwicklung seiner Kinder und Enkelkinder teilzunehmen. Kluge Nachkommen schätzen zudem die Erfahrung und eine in Jahrzehnten gewachsene Lebensweisheit der "Alten", wenngleich nicht dies, sondern die LIEBE zueinander das Verhältnis bestimmen sollte. Wie alles aber, schlagen auch Hochmut und Lieblosigkeit auf den Absender zurück und keine Träne die zum Himmel fließt, wird übersehen. Wer kranke, vergeßlich oder teilnahmslos gewordene Angehörige hat, hat doppelten Grund Licht in die  hoch sensiblen Seelen einzugeben. Anteilnahme, Verständnis, Geduld und Vergebung sind reines Licht! Was sagte ein in Würde alt gewordener Vater mit bewegter Stimme? "Mir tun meine Kinder so leid, denn sie werden einmal aus gleichen Gründen weinen, was sie mir jetzt antun..."

Trennen wir uns also von Gleichgültigkeit, Gedankenlosigkeit und Argumenten, die in Wahrheit keine sind und nutzen wir doch die wenige Zeit, wo wir noch eine Mutter, einen Vater greifbar haben.
Gedanken heilen nicht die Wunden des anderen, deshalb sollten wir den Menschen, dessen Blut doch in unseren Adern fließt, dankbar in die Arme nehmen und sie wissen und fühlen lassen, daß sie ein schöner Teil  unseres Lebens sind und Kindheit nicht aufhört, solange es die Eltern gibt. Und wer da voll Bitternis ist und meint etwas vorwerfen zu müssen, der möge dem Steinwurf das Verzeihen vorziehen. Denn auch Steine fallen auf uns zurück!  Isch män jo bloos. Ihr Gerhard Krause