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0037

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“Und Friede den Menschen auf Erden”

Jede Weihnachtszeit ist eine ungewöhnliche Herausforderung an unsere Gefühle und spezielle Einladung zu Freude und Besinnung. Merkwürdig zwar, aber dominierende Stimmungsmacher in uns sind dann Melancholie, manchmal Schwermut oder gar Bitterkeit, wenn der Blick in die Vergangenheit schmerzhafte Epochen berührt. Wenn Christmas in anderen Breitengraden eher wie Partys gefeiert wird, treibt uns die deutsche Mentalität ins Heulen und jede Träne möchte eines jener Jährchen vergelten, die seit unserer “ach so schönen Kindheit” vergangen sind. Kein Weihnachten könnte schöner sein als die der Kindheit. Das schafft Ergriffenheit...
Ein Panoramablick durch durch das letzte Jahrhundert, welches ja erst vor 2 Jahren endete, verrät den weihnachtlichen Generalwunsch aller Generationen: Frieden! Es ist, als hätte das Harmoniebedürfnis mit dem Christfest seinen Geburtstag gefunden und Jahr für Jahr seinen emotionalen Anspruch vermeldet.

Im 1.Quartal des vergangenen Jahrhunderts zauberten Matrosenjäckchen mit blauen Streifenkragen Stolz auf die beherrschten Gesichtchen preußischer Kinder beiderlei Geschlechts. Obligatorische Geschenke waren Puppe oder Holzspielzeuge und später Zinnsoldaten, als der l. Weltkrieg manchem despotischen Familienvorstand etwas  von seiner militärischen Körperhaltung raubte. In Arbeiterhäusern schillerte kein Christbaumschmuck, dafür aber der Frost und Schimmel an den feuchten Wänden und wenn die vielen Kinderchen ohne Lungenentzündung durchs Jahr gekommen waren, war das Gnade genug. Glücklich, wer irgendwelchen Verwandten auf dem Lande ein Glas Marmelade oder eine Handvoll Eier den mitleidigen Herzen entreissen konnte.
Aufstieg, Übermut und Fall unseres Volkes wiederholten sich bekanntlich ab den dreissiger Jahren und mit freilich drastischen aber wahren Schilderungen vorenthalte ich Kindern der Gegenwart nicht die weihnachtliche Situation jener Zeit. Ich erzähle von Soldaten in Frontgräben, die mit halberfrorenen Fingern ihre Feldpostpäckchen aus der Heimat zu öffnen versuchten, wahrend Tränen des Seelenschmerzes aus Heimweh und Sehnsucht über ausgemergelte und kampfesmüde Gesichter flossen. Gerade mal 60 Jahre ist es her, daß der weihnachtliche Friede bestenfalls auf ein paar Stunden Waffenstillstand geschrumpft war. Der Tod erstickte das "Stille Nacht, heilige Nacht" in den Schützengräben und die "fröhliche, oh du selige Weihnachtszeit" spukte nur in den kahlgeschorenen Köpfen dahinvegetierender Kriegsgefangener. Wie ein Festbraten wurde jeder Kanten Brot genossen und statt lieblicher Düfte zwang ein  unglaublicher  Gestank  jeden  Selbstwert  auf  die Barackenbretter. Nur der unfassbare Glaube an eine bessere Zukunft entließ Weihnachtstöne aus gequälten Kehlen und zwang die Hände zum Gebet. Bratäpfel und Fröhlichkeit in warmen Wohnstuben waren weiter als die nächste Milchstraße. Und doch war alles nur ein wirkungsartiger Ausgleich dafür, daß Nächstenliebe und Christlichkeit in breiter Front durch kernige Sprüche und zackige Märsche und geschürte  Herrschaftsansprüche. ersetzt worden waren. Sind wir durch Besserung und stabilere Gläubigkeit In einer günstigeren Position, das diesjährige Weihnachten als ein "Fest des Friedens und der Freude" erleben zu dürfen?
New York. In tausenden Familien stehen auf dem diesjährigen Gabentisch Fotos mit Trauerschleifen von Angehörigen, deren Fehlen Gehirne und Gefühle zermartert. Religiös motivierter Hass zerfetzte,  verbrannte,  erstickte oder zerschmetterte Menschen, denen das Weihnachtsfest bestimmt wichtig war. Zerwürfnis und verdammte Spiele mit dem Feuer, wohin man sieht! Nein, dieses Jahr kann schon gar nicht ein Weihnachten wie in guten Zeiten sein; weltweit nicht!
Afghanistan. Wie einst Maria neben Josef, werden selbst hochschwangere Frauen von Eseln gegen die Landesgrenzen getragen - durch Sand- und Steinwüste und der wenigen Bündel Habe auf den geplagten Schultern. Damals wie heute treiben politische Entscheidungen ins Leid. Doch damals wie heute wird in uns Menschen ein flackerndes Lichtlein am Leben erhalten, so daß Innerer Frieden und ein zartes Pflänzlein der Zuversicht gedeihen können.  So, wie Jesus von einem kleinen Licht in Bethlehems Stall zu einer Fackel kosmischer Bedeutung werden konnte.  Wenn du die Lehre dieses Friedensbringers in dir wirken lässt, kann das Christfest 2001 der Beginn deiner eigenen Friedenspolitik sein und deine Programme werden Freundlichkeit, Ausgeglichenheit, Toleranz und Großherzigkeit sein.
Dann werden alle Kriegstreibereien, Hektiken und Maßlosigkeiten dieser Welt an dir abprallen. Weihnachten - besinnlich sein und doch offen, ergriffen und doch wachsam, fröhlich und doch ernsthaft; ein Zeithort des Friedens, den du dir selbst und damit anderen bescherst. So gelingt die Kunst, in unseren Tagen zu bestehen ohne benachteiligt zu sein. “Denn was könnte es einem Menschen helfen, wenn der die ganze Welt gewänne, aber sein geistiges Wohl dabei einbüßte?” Matth. 16:26
Ich wünsche ein recht erholsames Weihnachtsfest, dessen Segen weit in die Tage des neuen Jahres hineinwirken möge, Ihr Gerhard Krause