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0029

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Grabes - Reden

Thema heute soll die oft erlebbare Sprachlosigkeit von Geistlichen dann sein, wenn sie beinahe hilflös an offenen Gräbern über eher klägliche Grabreden den Versuch wagen, den Tod des verstorbenen Menschen zu erklären. Verzweifelte, einsame und fragende Hinterbliebene erwarten von ihren Seelsorgern mehr als das oft zitierte Schutzschild gegen Nichtwissen, daß es GOTTes "weiser und geheimnisvoller Ratschluß" gewesen sei, diesen Menschen nun abzurufen.

Wahrlich, es gibt mehr zu erklären über diesen alleinigen "Herr Ober Leben und Tod" und über Seine eventuellen Entscheidungsgründe. Wenig von dem, was da per Theologie anstudiert worden ist, taugt da, denn wenn du die Liebe nicht glaubwürdig machst oder hast, versagst du. Es ist geradezu die Pflicht des Klerus, denen die da weinen Trost und Hoffnung zu schenken, denn sie wollen sich doch als Diener/innen GOTTes verstehen und haben deshalb ihres Herrn Interessen weiter zu geben: LIEBE! Der Schaufelwurf des Geistlichen darf nicht die geringsten Erwartungen der Trauergemeinde auf Zuspruch und brauchbare Erklärungen mit begraben. Dem Grabgang sollte ein Licht am Horizont folgen und damit der Verzagtheit die gräßliche Spitze nehmen. Kein christlicher Beerdigungsautomatismus schafft dies und ein sehr erfahrener Bestattungsunternehmer beklagte die "seelenlosen Zeremonien" bei denen "nichts rüberkommt" wie er feststellen muß. Unangenehm auch die Lobhudeleien, wenn die verbalen Hymnen über die Großartigkeit der oder des Verstorbenen abgespult werden. Der Tod sollte die Verwerflichkeit der Lüge nicht außer Kraft setzen! Wenn die vorgetragene Vita eines Mannes beispielsweise ergibt, daß er zum einen ein excellenter Ehemann und aufopferungsvoller Familienvater, der für alles Verständnis aufzubringen fähig war, gewesen sein soll und er andererseits nicht nur als Vorstand "seinen Mann stand", in drei Vereinen ein stets ansprechbarer und bemühter Vereinsbruder war und gleichzeitig in seinem Beruf von seinen Arbeitskollegen als "unersetzbar" erkannt wurde, dann ist verständlich, daß er "unauslöschlich und in ewigem Gedenken" in den Herzen und Hirnen vieler Erdgenossen sein soll. Doch ehrlich: wer quasi jedem soviel und jederzeit zu Diensten war, konnte entweder kein sehr guter Familienmensch gewesen sein, oder er hatte mehr auf anderen Gebieten vernachlässigt, als zur Sprache kam. Jeder von uns kocht nur mit dem Wasser der Zeit und das bedeutet, daß der Tag nicht mehr als 24 Stunden hergibt und dem muß sich selbst größtes Engagement beugen. Wer nun meint, ich wäre mit meiner Beurteilung recht pingelig, hat womöglich recht. Allerdings halte ich die Frage dagegen, ob es nicht - im wahrsten Sinn des Wortes - jeder Mensch verdient hat, daß an seinem Grabe über ihn die Wahrheit gesprochen wird?! Dies bedeutet vertretbare Ehrlichkeit und ein realistisches Profil, an dem dieser Mensch tatsächlich wiederzuerkennen ist, neben die Blumen aufs Grab zu legen. Wie könnte Trost aus Verzerrungen von Tatsachen, Verdrehen von Lebensbildern und billigen Beschönigungen entspringen? Verlangt die letzte Empfängnis der Würde dieses Menschen nicht zumindest die priesterliche Offenheit und Wahrheitsliebe, gepaart freilich mit Sensibilität und Mitgefühl? Dieses Christsein, dieses Geschwister sein, diese Ehrlichkeit, Wärme, in Verbindung mit einer Brise Nüchternheit, sind wir Ratlosen und Schmerzensreichen einfach schuldig. Als mich nach einer Bestattung und meinen letzten Worten der Bruder einer Verstorbenen in seine Arme nahm und er mir versicherte zu fühlen, daß auch ich eine Schwester verloren habe, seitdem weiß ich, woran der Erfolg meines Dienstes am Grab zu messen ist. Er glaubte mir also meine Betroffenheit und wußte sich dadurch im Abschiednehmen begleitet - nicht alleine.

Wie mögen sich dagegen die Trauernden der "Opfer von Kaprun,, jenes schrecklichen Bergbahnunglücks Österreichs, Ende letzten Jahres gefühlt haben, als die beiden großen Kirchen die Brandkatastrophe am Kitzsteinhorn zum Anlaß nahmen, sich über die offizielle Trauerfeier im Dom zu Salzburg heftigst zu streiten. Die Weigerung des Salzburger Erzbischofs Georg Eder, die Trauerfeier als ökumenischen   Gottesdienst zu zelebrieren, brachte den evangelischen Salzburger Bischof Herwig Sturm derart auf, daß er Sturm gegen "Demütigungen, die sich gegen ökumenisch gesinnte Kollegen richten" lief. Was aber interessierten diese Interessenkonflikte die leidgeplagten Hinterbliebenen? Stimmt schon, was Sturm richtig erkannte: "Angesichts einer solchen Katastrophe zu streiten beginnen, das ist wirklich unter jeder Kritik." Aber so geht‘s nun mal zu...

Anstatt in der Predigt Hilflosigkeit in die Frage gipfeln zu lassen, warum uns GOTT das angetan habe, wäre besser in Liebe gehandelt und von der Liebe GOTTes gesprochen worden. Der Ewigkeit zugerechnet werden kann, was GOTT dem Abberufenen - egal welchen Alters - zu geben bereit ist: LEBEN in Seiner Nähe, leid- und problemlos, ohne Negationen, in Freude, Versorgtheit und Glückseligkeit, wie immer wir uns dies vorstellen möchten. Wenn auch schwer, so können Eltern und Angehörige doch begreifen, daß wir alle nur Leihgaben dessen sind, der uns nur gut meint. Es ist nun mal Seine Präferenz, die uns den Atem geben und nehmen darf. Tiefblickend, berücksichtigt Er wie kein anderes Wesen die Bedürftnisse des Geistes und Notwendigkeiten zu dessen Reifung! Auch wenn unser Kurzblick diese Bedürfnisse nicht immer verstehen können, sollten wir Ihm vertrauen. Wir sind aber gut beraten, zu versuchen mit jedem Menschen jede Sekunde positiv, streitlos und vor allem bewußt zu erleben. Wir teilen auf Zeit mit anderen auf dieser Erde ein Los, welches jederzeit mit dem Weggang des einen beendet sein kann. Aber es findet seine Fortsetzung in einer anderen Welt, darauf kommt es an und darauf dürfen wir uns vorbereiten und freuen. Jeder Verlust gibt Anlaß, seinen eigenen Abschied vorzubereiten, ungeachtet des Alters. Dann haben wir auch etwas aus schmerzhaften Vorgängen gelernt.

Dies und manches andere dürften wertvollere Hilfen sein als Hader, Stammeleien, Unwahrheiten und Riatualgewohnheiten an Gräbern und es darf nicht wundern, wenn immer mehr Prädikanten, Hilfsprediger oder andere anstelle konventioneller Dienstleister betraut werden. Vielleicht strömen sie das aus, was in schweren Stunden des Abschieds unverzichtbar ist: Mitgefühl. Isch man jo bloss.
Ihr Gerhard Krause