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“Hör doch zu”

Die Ausgelassenheit, mit der mit dem Jahreswechsel das neue Jahrtausend begrüßt worden ist, war nicht zu überhören! über 200 Millionen DM wurden für Feuerwerkskörper in unserem Lande verpulvert und gegen den Himmel geschossen, als gälte es diesen herunter zu holen. Wenn Leute - wie ich sich dann anderntags wieder mit der bittersten Armut von Menschen aus aller Welt auseinandersetzen, dann kommen wir uns etwas komisch vor anbetrachts der künstlichen Pracht und Freude, mit der eine geistige Armut und Not überblendet und durch Böllerschüsse übertönt wird. Aber nicht die aufdringliche Form lautstarker Gefühlsausbrüche sollen das Thema sein, sondern vielmehr die leiseren Töne, wie sie im privaten Bereich zu vernehmen sind. Zwar sind wir durchaus ein kommunikationsfreudiges Völklein, vor allem vor dem PC, doch besitzen wir die fatale Eigenschaft aneinander vorbei zu reden! Wir registrieren, daß z.B. Politiker jeglicher Coleur mit Überzeugung das sagen, was sie sagen wollen und weniger das, was zu sagen wäre. Einen Politiker nach der Uhrzeit gefragt hat seine Erklärung zur Folge, daß seine Partei der eigentliche Erfinder des Chronometers sei und jede andere Partei den wahren Blickwinkel auf die Zeit verfälsche. Solchen Ignoranzverbalismus finden wir auch zuhaut in den talkshows. Da erleben Sie meist die hohe Schule der Vielquasselei und gleichzeitig des Nichtsgesagthabens! In der ihnen eigenen Impertinenz konfrontieren die meisten Moderatoren ihre illustren Gäste mit allerlei möglichen und unmöglichen Fragen oder agieren nach dem Motto: Frisch behauptet ist halb bewiesen! Wenn Sie diese Dialogschule per Fernsehkanal beanspruchen, werden Sie die meisten der gestellten Fragen als nicht beantwortet abhaken müssen.

Die Hetze der modernen Zeit prägt auch unser Reden und Hören. Wir spucken Halbsätze aus, glauben sogar nach den ersten Stöhnlauten unseres Gesprächspartners zu wissen was ihn bewegt und lassen ihn schon deshalb schlicht und einfach nicht zu Worte kommen. Nur was uns bewegt ist wichtig und verlangt ausgesprochen zu werden. Lächerlich, wenn in Rededuellen selbst epochale Themen in 90 Sekunden behandelt zu sein haben - und privat machen wir es ebenso. Kein Austausch mehr, nicht» kann fließen und wo nichts fließt, erfolgt auch keine Animation und die befruchtenden Impulse bleiben aus. Wenn einem nur noch Sprechblasen, Sprachfetzen und Besserwisserei um die Ohren gehauen werden, dann können Unzufriedenheit oder auch Zank nicht ausbleiben. Wie soll Verständnis entstehen, wenn nicht mehr verstanden wird? Bei Eheleuten, die sich seit langem vertraut sind und kaum mehr Neues voneinander erwarten, ist das Aneinandervorbeireden Usus. Typischer Dialog, wie ich ihn früher in meiner Praxis immer wieder zur Analyse geliefert bekam: ER "Das war wieder ein Tag heute.... Ich weiß nicht wie. ich das auf Dauer schaffen soll!” SIE "Hast du. heute Morgen das Glas zerbrochen?" ER "übrigens, Wagen muß dringend in. die. Inspektion." SIE "Kannst du. mir sagen, was ich noch auf den Tisch bringen soll? Alles ist so teuer. geworden...” ER "Weißt du, wo die. Zeitung geblieben ist" SIE "Was hast du. Gesagt?"

Dererlei Dialoge spielen sich tagtäglich in unzähligen Wohnzimmern ab.. Jeder lebt und bleibt in seiner eigenen Welt und die Interessen und Bedürfnisse der Mitmenschen bleiben außen vor. So zerbröckelt das familiäre Miteinander und jede Gemeinsamkeit verkommt zwangsläufig zu einer bloßen Interessengemeinschaft im eigennützigen Sinn. Sind dann noch heranwachsende Kinder oder andere Angehörige im Haushalt, dividiert sich das Gesprächsvolumen entsprechend durch die Zahl der Familienmitglieder. Babylonische Sprachverwirrnis Zuhause?! Wen wunderts, wenn sich nach den immer seltener werdenden gemeinsamen Mahlzeiten die wichtige Tischgemeinschaft flugs auflöst, das Kind sich in die Traumwelt des PC flöchtet, der Vater am Stammtisch seine Zuhörer findet und Mutter sich mit dem sympathischen Heilewelt- "Bergdoktor" im Femsehen tröstet. So lebt jeder sein Leben in schreiender Sprachlosigkeit.

Zwei Regeln können das Interesse füreinander unterstützen: l.) Lasse deinen Gesprächspartner in Ruhe aussprechen und zapple nicht ungeduldig auf dem Stuhl herum und 2.) Beleidige niemals den anderen! Dies fördert eine friedliche Interaktion, verleiht dem Gespräch Würde und ermuntert zu Fairneß. Apg.26:3 berichtet vom Apostel Paulus, für den es sogar lebenswichtig war, das Gehör des König Agrippa zu finden und er bittet, worum wir alle bitten sollten: "Darum bitte ich dich, mir in Geduld zuzuhören." Wann könnte uns der letzte Mensch, der uns etwas zu sagen hatte oder unsere Aufmerksamkeit dringend gebraucht hätte, begegnet sein? Wem versagten wir unsere Hilfe, indem wir nicht zuhörten? Und wenn du zugehört hast, hast du dann auch h i ngehört? Hören wir uns in die Seelen der Gesprächspartner hinein und fragen wir uns: "WAS bewegt meinen Gesprächspartner das zu sagen?" und vor allem: "Warum erzählt er es mir?"

Schenken wir doch dem Mitmenschen wieder etwas mehr Zeit. Lauschen wir nicht nur den Tönen, sondern vielmehr den Zwischentönen. Die zwischenmenschliche Eiszeit würde dadurch etwas aufgebrochen und unzählige Differenzen, die aus Mißverständnissen, Interessenlosigkeit oder Unterstellungen - alles wegen miserablen Zuhörens - entstehen, könnten verhindert werden. HINHÖREN -  ZUHÖREN, das wäre ein excellenter Vorsatz für dieses neue Jahr. Wenigstens in unserem Lebenskreis ergäbe sich dann dieses ersehnte "kleines bisschen Frieden" - und du hättest in Überwindung eigener überzogener Redseligkeit eine Menge dazu getan.

Üben wir uns also in der Kunst, ein wertvoller und geschätzter Gesprächspartner, eine beliebte Gesprächspartnerin zu werden; zum Nutzen der Nächsten aber auch zum eigenen. Und wenn jemand für deinen guten Willen kein Verständnis zeigt, dann kannst du dich immer noch herausreden mit: "Isch män jo blos!" Viel Erfolg, Gerhard Krause