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0157

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"LIEBER, SEHR GEEHRTER GOTT"

Jetzt, zu Weihnachten, erinnern sich wieder mehr Menschen an die Kunst des Briefe- und Kartenschreibens. Wenn es vielleicht auch nur ein kurzer Gruß auf vorgedruckter Karte oder die obligatorische Frage nach der Befindlichkeit ist, so schaffen solche Worte doch eine wärmende Brücke von Herz zu Herz und erfreuen das Gemüt wie gelungene Christbaumkugeln.

Unser Adressbüchlein ist wie ein Who is who persönlicher Lebensgeschichte: da stehen Anschriften angegrauter Freundschaften, verflossener Lieben, ehemaliger Kollegen und Verwandten, die ihren Wohnsitz zwischenzeitlich im Jenseits eingenommen haben, aber noch nicht ausgetragen sind. Je älter wir werden, desto stärker reduziert sich die Empfängerliste. Und nun die ungewöhnliche Frage: Befindet sich in himmlischer Generalregistratur ein Brief von dir, mit Adressat: "An den lieben Gott"? Wie das, werden manche fragen, wo doch der liebe Gott all unsere Gedanken lesen kann. Stimmt. Aber gerade weil alles von uns Ihm transparent ist, freut Er sich über ein Lippenbekenntnis, oder Er ist uns eine Depesche wert.

Vor Jahren kam ich in einer prekären Situation auf die Idee, mich dem Allmächtigen schriftlich anzuvertrauen. Für den Fall höchstgöttlicher Problemlösung, formulierte ich ein Versprechen, das ich dann einzulösen gedachte. Mir war während des Schreibens recht seltsam zumute, denn das, was ich da tat, war anders als alles je Gesprochene oder Gedachte; es war direkter, unmißverständlicher und vor allem verbindlicher! Wie oft werfen wir Gedanken 'gen Himmel, richten Gefühle auf und schon anderntags wissen wir nichts mehr davon?! Und wie schwer es doch manchesmal fällt, ernsthaft und konzentriert im frommen Gespräch mit Gott zu bleiben. Da hat Geschriebenes durchaus einen anderen Stellenwert: Gott nimmt uns immer ernst, aber wir auch uns selbst?

Was schreibt, bleibt, so wissen wir und geben uns deshalb mehr Mühe.

Dies beabsichtigt beileibe nicht ein Plädoyer für eine Dauerkorrespondenz zur Hausanschrift Gottes zu sein, doch ab und zu den Schreibstift in die Hand zu nehmen und mit persönlicher Hand höchst Vertrauliches zu Papier zu bringen - das hat was! Schon vermeine ich manche Spötter zu vernehmen, wie sie sich darüber mokieren, sich mit Stift und Papier einer so altmodischen Methode der Mitteilung bedienen zu sollen. Warum sollte Gott nicht online sein und sich auf E-Mails einlassen? Vielleicht an lieber-gott@gmx.him. oder so. Oder wie wär~s mit einer whats App, weil simsen bestimmt out ist? Oder skypen etwa? Aber welches Empfängerporträt böte uns da der Monitor? Wahrscheinlich blendendes Licht... Egal welcher Weg zum Himmel gewählt wird, alle Stationen sind rund um die Ewigkeit besetzt und stehen online. Es ist wie im täglichen Leben: manchmal brauchte Geduld, bis eine Rückmeldung erfolgt. Liegt es daran, dass womöglich alle Leitungen hoffnungsvoll besetzt sind, weil sich doch mehr Geschöpfe aus dem Riesenschöpfungswerk der himmlischen Anlaufstelle bedienen, als gegoogelt wird? Da eine Überlastung im Firmament ausgeschlossen ist, bleibt eben gelegentlich die Warteschleife... Aber dran kommen wir, wann immer wir rufen.

Womöglich könnten einige - vor allem jüngere -Naturen bei einem "Brief an Gott" in orthografische Verlegenheit kommen! Weil es doch bei schriftlichen Ergüssen via PC, smart phone oder I-Pads nicht so sehr auf Buchstabenkorrektheit ankommt und manche Formulierung {"Was guckscht du - bin ich Kino?") den Sprachästheten Schluckauf bereiten. Und ob die himmlische Schaltzentrale mit irdischem Kürzelwahn zurechtkommen möchte, ist auch nicht sicher. Warum sollte der liebe Gott mit einem hdl zufrieden sein, wenn doch die mit

Herz gesprochenen oder mit Wärme in Langschrift geschriebene Erklärung: "Ich hab dich lieb", irgendwie überzeugender ist?

Auch wenn wir im Gebet unser Haupt in Demut senken, richten sich der geistige Blick und das Wortgefüge nach oben. Was wir als Antwort ernten, richtet uns auf, hilft uns gerader durch"s Leben gehen. Was auffällt ist, wie vor allem junge bis sehr junge Menschen gebückt.wie unter schwerer Last und mit geradezu ausdruckslosem Gesicht, durch die Straßen gehen. Sie tun dies "schneckös", als würden sie sich die Mühe jeden Schrittes vorher gut überlegen und der Knopf im Ohr, bei gesenktem Kopf mit Blick auf's handy, transferiert sie in eine imaginäre Welt, die mit der umliegenden Realität wenig zu tun hat. Isolation und Sperrung gegen so ziemlich alles, was nicht in den eigenen Kram passt, gegen Aufgeschlossenheit und Mit-Menschlichkeit,was heißen soll: mit den Menschen zu sein. So ändern sich die Zeiten!

Aber wer weiß, vielleicht erwachen in reifen Geistern wieder Ambitionen und Sehnsüchte, die sich früher in schöner Tradition ausgelebt haben. Wie sehr erhellten doch kleine, liebevolle Zeilen in Poesiealben die jungen Gemüter? Es würde nicht schaden, sich in unsere Mütter und Großmütter hineinzudenken und zu erahnen was sie fühlten, wenn sich Freundschaften und Herzensangelegenheiten in gestochener Schönschrift, in einem schmucken Büchlein, in einfachen Reimen spiegelten. Warum sollten Nüchternheit und Egomanien einer modernen Zeit es schaffen, das ehrende Prädikat, ein 'Volk von Dichter und Denker' zu sein, zu zerstören? Ist es nicht wunderbar und ergreifend, wenn ein Mädchen der Freundin schreibt:

Verzage nicht'.

Gott wind dich nicht verlassen wenn auch die. schönsten Stunden diu verblassen wenn auch den. Hoffnung letzter Anker bricht - verzage nicht!

Und gehst du auch schon über, dunkle. Pfade und strahlt in. deine Lebensnacht kein Licht, dich führt die Hand der Vorsehung und Gnade -venzage nicht!

Wieviel Liebe und Unschuld doch aus diesen Worten, die 1896 ein Mädchen namens Elsa an ihr Cousinchen aus gefälliger Zuneigung auf Blumenpapier schrieb, doch sprechen.

Unser Zeitgeist bedient sich mehr eines knappen "Go, go.'", was weder ehrlichem Herzblut noch hübsch gemalten Worten gerecht wird und unnahbares Gemüt verrät. Aber so ganz alleine stehe ich mit meinen Träumereien von guten alten Gewohnheiten nicht da! Gibt es doch neuerdings den Trend der young generation, wie zu Omas Zeiten wieder Briefe auf - ach so verpöntes -Papier zu schreiben! GOTT LOB!

Also ich finde es großartig und mutmachend, dass Seele und Geist sich mit Muse, Bemühen und Freude wieder vereinen. Da fühle ich mich doch nicht mehr so absonderlich, sondern in guter, zukunftsträchtiger Gesellschaft wenn ich wieder mal in stiller Stunde schreibe:

"Hallo, lieber Gott,

was ich Dir immer schon mal sagen wollte, nämlich wie wunderbar Du bist. Und..."

sincere

gerhard krause