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0142

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Herzens-Gabe

Die Psychologie findet eigene Begriffe für den Fall, dass der Mensch anfängt sich zu ärgern. Wenn es bei mir anfangen möchte zu "köcheln", nenne ich dies die Ärgerschwelle!
Die Ärgerschwelle ist dann erreicht, wenn die Toleranzzone ausschöpft, deine Geduld schlicht am Ende ist und die Situation zur Zumutung wird. Es ist sehr individuell, wann Menschen anfangen ärgerlich zu werden. Dann drängen sich nicht gerade freundliche Gedanken auf, widerwillige Gefühle wogen hoch, kritische bis bissige Bemerkungen verlassen den Mund, oder man verlässt klugerweise einfach den Ort der Zwistigkeit! In solcher Lage, schüttelten die Apostel von früher sich einfach den Staub von den Schuhen und zogen weiter.
Haben auch Sie so eine Ärgerschwelle? Meine ist dann erreicht, wenn einem scheinbar Gutes widerfährt, in Wahrheit aber alles andere als Edelmut hinter "großzügigen" Bezeigungen steckt; Unehrlichkeiten kann ich nicht ausstehen! Simple Beispiele gefällig?
In trauter Runde freut man sich gemeinsam auf den guten Schmaus, doch ist Besuch dazu gekommen - es wird knapp mit dem Braten, die Gans dürfte kaum reichen! Jeder sieht das. Und dann haben Sie einen ichhungrigen Zeitgenossen, der sich erst einmal fraglos und tüchtig bedient, am Tisch sitzen. Hauptsache er hat! Mit großzügiger Geste reicht der Freßkopf danach die restliche Bratenplatte gönnerhaft weiter: "Nehmt nur!"; er spielt den guten Menschen und benimmt sich dabei wie ein falscher St. Martin der nicht etwa seinen Mantel mit dem Bedürftigen teilt, sondern ihm ein Taschentuch mit den Worten reicht: "Sollst auch nicht frieren!" Sie verstehen was ich meine?
Vorgetäuschte Großzügigkeit in zweiter Reihe nach dem Egoismus, scheinbar gütige Worte, Entbehrungen, die in Wahrheit Pseudoverzichte sind, egoistisches Kalkül unter dem Mäntelchen der Gutherzigkeit, dies alles berührt empfindlich meine Ärgerschwelle. Wer kann denn schon vorgetäuschte Tatsachen ausstehen? Weil ich ein feines Gefühl, Auge und Ohr für so etwas habe, schweige ich nicht immer zu solchem Schöngetue... Autsch!
Gerade jetzt zu Weihnachten bieten sich exzellente Möglichkeiten ein selbstloses Herz zu beweisen. In unseren Breitengraden ist es üblich Geschenke zu verteilen (was ich längst abgeschafft habe -funktioniert prima!). Freilich, jeder muss selber wissen, was er mit seinem Geld macht. Schenkt man wirklich immer um Freude

zu bereiten, oder stecken auch Zwänge dahinter? Es ist halt so üblich, sagen manche, weil es erwartet wird oder etwas zurückgeschenkt werden müsste. Ein teures Geschenk durch ein billiges auszugleichen, geht nicht; man will sich da nicht lumpen lassen... Geschenk hin, Geschenk her, aber wird damit in jedem Fall ein Herzensbedürfnis erfüllt? Wer hat nicht schon mal über die Unsitte des Schenkens gejammert?, weil doch jeder sein Geld braucht. Und dann? Die Qual der Wahl, wie jedes Jahr! Grübeln, rumrennen, abwägen, kaufen, verpacken und doch nicht zufrieden?! Eine echte Ärgerschwelle! Dabei könnten klare Worte und Entscheidungen Abhilfe schaffen.
Mit dem Geben ist es überhaupt so eine Sache. Beispiel Bettler: Sitzt einer an der Strasse, schafft kaum einer der Vorübereilenden die vier, fünf Schritte bis zum Spendenbehältnis. Einen halben bis einen Euro aus dem Portemonnaie gekramt - fertig ist der Akt. Meine Spenden-Devise: Es muss weh tun, darf (Selbst-)Überwindung kosten zu geben, sollte spürbar sein! Diese Kriterien gehen denn auch deutlich über den einen Euro hinaus. Was der arme Mensch damit anfängt, sorgt mich deshalb weniger, weil grundsätzlich Mitleid verdient hat, wer seine bittenden Hände ausstreckt. Oder wollten wir dies tun? Es ist so oder so ein armer Mensch. Gerechterweise sollten wir uns fragen, ob wir immer unser Geld für das Richtige ausgeben? Werfen wir also keine ersten Steine in Form von Voreingenommenheiten in den Hut oder die Büchse, dafür aber Liebesgaben!
Geben ist nicht schenken und schenken nicht spenden.
Wenn unsere kirchliche Kleiderkammer mit Schuh- und Kleiderspenden aus dem Nachlass eines Verstorbenen bedacht wird - prima! Doch die Aura der guten Tat leidet, wenn die Bemerkung mitgeliefert wird: "Sonst müssten wir’s ja wegwerfen!" Ja kommt denn gleich nach dem Müll die Sachspende? Nothilfe aus Nächstenliebe ist anders, denn "einen frohen Geber hat Gott lieb." (2.Kor.9:7) Da imponiert mir die junge Frau mit einem großen Karton guterhaltener Schuhe unter dem Arm: "Wissen Sie, ich besitze so viele Schuhe, die ich nur drei- bis viermal im Jahr anziehe. Da gibt es bestimmt welche, die sie gerne jeden Tag tragen würden." Oder ich erinnere mich an die Geldspende "für die Armenhilfe" mit dem Vermerk. "Meine erste Gehaltserhöhung!"
Facit: Geben ist nicht mit entsorgen zu verwechseln.
Gib nicht erst, wenn d u genug hast, sondern teile und gebe soviel, dass es dich einen kleinen Blutstropfen Selbstüberwindung kostet - dann fühlst du das gute Werk!
Nicht gönnerhaft wollen wir sein, sondern barmherzig. Was andere tun ist unwichtig: GOTT sieht in dein Herz und auch ob es gütig, berechnend oder verhärtet ist.
Auch diese Ausgabe des "Sandboten" ist ein Geschenk - in Liebe gestaltet und dir gereicht. "GOTT sieht's" sagen wir und "GOTT bezahlt's!" sagen unsere albanischen Geschwister.
"Wer gibt ist mehr beglückt als wer empfängt" (Apg.20:35) Diese schöne Erfahrung kann sich jeder gönnen.
FROHE WEIHNACHT  lieber Mensch
gerhard krause