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Nr.:

0140

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Hallo, lieber Gott

Frage: Befindet sich in himmlischer Generalregistratur ein Brief, von dir geschrieben, mit Adressat: „An den lieben Gott!“?
Was soll das, werden einige fragen, wo doch der liebe Gott alle unsere
Gedanken lesen kann.
Stimmt. Aber ist es nicht so, dass Er sich auch über ein leise oder laut gesprochenes Gebet freuen kann, obwohl doch alles was in uns ist, Ihm transparent ist?
Im Ernst – als ich vor vielen Jahren in großer Not auf die Idee kam, mich dem Allmächtigen s c h r i f t l i c h anzuvertrauen und für den Fall der Problemlösung ein festes Versprechen abgab, da war mir während des Schreibens recht seltsam zumute. Das, was ich tat, war anders als Gedachtes oder Gesprochenes, es war unmissverständlicher, klarer, verbindlicher!
Wie oft schleudern wir rasch mal Gedanken oder Gefühle gen Himmel, und schon anderntags wissen wir dann nichts mehr davon?! Wie schwer es doch manchmal fällt, konzentriert und überaus ernsthaft und fromm im Gespräch mit Gott zu bleiben, Da hat Geschriebenes durchaus einen anderen Stellenwert: wir denken nach, überlegen gründlicher jedes Wort, und wie wir was formulieren.
Wir wissen sehr wohl: w a s s c h r e i b t , b l e i b t !, wir geben uns Mühe.
Dies beabsichtigt beileibe kein Plädoyer für eine Dauerkorrespondenz zum Himmel zu sein, doch ab und zu Papier und Schreibstift in die Hand zu nehmen – das hat was!
Papier und Stift? Viel zu altmodisch, mögen einige spötteln. Ich weiß, ich weiß. Es gehört sich online zu sein und E-Mails abzusetzen; vielleicht an
lieber-gott@gmx.him oder so. Oder wie wär’s mit einer WhatsApp, weil’s Simsen leicht out ist. Skypen etwa? Aber statt eines Empfängerporträts böte der Monitor wahrscheinlich nur Licht … Auch wenn der Himmel nonstop online sein dürfte, sind die Leitungen wahrscheinlich deshalb völlig überlastet, weil sich dort stärker hingewendet wird als gegoogelt.
Ja, ja, das Schreiben hat schon was, wenngleich einige jüngere Naturen sich da erstmal grundsätzlich mit Orthografie zu beschäftigen hätten, scheint es doch einigen wurscht zu sein, ob ihre schriftlichen Ergüsse per PC, Smartphone oder iPads jedem Sprachästhet Schluckauf bereiten. Erstaunlich, wie viele Kürzel manche draufhaben, das
spricht für Intelligenz und Lernfähigkeit. Und doch bleibt manches hdl auf der äußeren Haut kleben und entwickelt nicht jene Wärme wie ein in Langschrift gestandenes „Ich hab dich lieb“.
Ist Ihnen auch schon aufgefallen, wie Jugendliche und Frühjugendliche in unseren Städten mit ausdruckslosem Gesicht, Knopf im Ohr und gesenktem Kopf – wie eine Welt für sich – geradezu „schneckös“ durch die Straßen gehen? Wer früher den Kopf gebeugt hielt, der tat dies womöglich aus Demut oder Scham. Heutzutage ist man gerade dabei, eine ach so wichtige Nachricht abzusetzen oder zu empfangen.
So ändern sich die Zeiten.
Gerechterweise darf man der Generation nicht vorwerfen, dass sie nicht weiß was ein Poesiealbum ist. Man ist gewiss kein schlechterer Mensch, wenn man es nicht versteht – wie unsere Mütter und Großmütter – Freundschaft und Herzensangelegenheiten in gestochen schöner Schrift einem Büchlein anzuvertrauen. Es erklärte sich halt weitaus besser als heutzutage, dem Volk von Dichter und Denker anzugehören. Beispiel gefällig?

Verzage nicht!

Gott wird dich nicht verlassen,

wenn auch die schönsten Stunden dir verblassen,

wenn auch der Hoffnung letzter Anker bricht –

verzage nicht!

Und gehst du auch schon über dunkle Pfade

und strahlt in deine Lebensnacht kein Licht,

dich führt die Hand der Vorsehung und Gnade

verzage nicht!

Wer dichtet heute als junger Mensch noch so, wie 1896 eine Elsa ihrem Cousinchen? Wer schreibt noch aus gefälliger Hand auf Blumenpapier?
Unsere moderne Ausdrucksweise mag dafür prägnanter sein und für obige Gedanken genügt wahrscheinlich ein knappes: „Go, go!“ Unser Zeitgeist sollte wieder lernen, liebe, mit Herzblut gemalte Worte ins Leben zu setzen und damit einem Gemüt Wärme zu spenden.
So ganz alleine stehe ich mit meinen Träumen nicht da und so hüpfte mein Herz freudig, als ich jüngst vom Trend der Young Generation erfuhr, wie zu Omas Zeiten wieder Briefe auf primitives Papier zu schreiben.

Halleluja!

Großartig und mutmachend, dass Seele und Geist wieder Muse, Mühe, und Freude zukommen dürfen. Gut so!
Schon fühle ich mich nicht mehr alleine, wenn ich mal wieder in stiller Stunde schreibe:
„Hallo, lieber Gott,
was ich Dir schon immer mal sagen wollte,
nämlich wie wunderbar du bist! Und …“