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0136

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Ein ganz normales Weihnachtsfest

Weihnachten 1955. Mit fünfzig Pfennige Taschengeld - wir sagten damals 'Sonntagsgeld' dazu, kannst du deinen Eltern keine Weihnachtsgeschenke kaufen. Für dieses Geld könntest du heutzutage noch nicht mal den Sportteil der "BILD"-Zeitung, die damals zehn Pfennige kostete, finanzieren. Also war man auf Kreativität angewiesen. Deshalb malte ich mit Wasserfarben ein buntes Bild: mit Sonne, wegen der Stimmung und mit Tannenbaum, wegen Weihnachten. Würde Mutter dieses mein Kunstwerk nicht mit wenigstens einem euphorischen Jubelschrei quittieren, müsste ich beleidigt sein - wenigstens bis zum feudalen Mittagessen am ersten Weihnachtsfeiertag... Dann war er da - der Tag ungeduldiger Erwartungen, wunschbesetzter Träume, gewagter Hoffnungen und zeitweiliger Andächtigkeit: Heiligabend!

Der als Wohnzimmer gedachte Raum, der gleichzeitig als Speise-, Schlaf- und Kinderzimmer zu dienen hatte, war für uns Kinder schlichtweg zum Sperrbezirk erklärt worden! Klar, das Christkind wollte darin unerkannt bleiben und seine erfreuliche Arbeit konspirativ verrichten. Weil ich Mutter heimlich beobachten konnte, wie sie akribisch Lametta einzeln über die Tannenzweige legte und silberfarbene Glaskugeln (welche jedes Jahr durch Bruchschwund weniger wurden) befestigte, musste sie wohl eine Sondergenehmigung haben, um dem Christkind assistieren zu dürfen. Beneidenswert.

Kein Nachmittag im Jahr schien sich länger hinzuziehen, als der des Weihnachtstages. Rein körperlich überwandten wir die endlosen Wartestunden mittels eines Schlittens unterm Hintern. Damit tollten wir das "Kirchbergerl" - gleich neben der mächtigen Stiftskirche - rauf und runter. Mit dem Innenleben aber waren wir Kinder aufgeregt auf den geheimnisvollen Abend der Tage aller Tage ausgerichtet. Bis heute ist mir schleierhaft geblieben, wie es Mutter trotz des engen Zeitfensters dieses Tages - noch schaffen konnte, uns drei Kinder in der Küche durch's leidlich warme Badewasser zu ziehen. Immerhin war dafür auf dem raumeinnehmenden Holz-, Kohle-, Papierherd ein Riesentopf mit Wasser aufzuheizen, was Küche und Wohnzimmer gleichermaßen erwärmte (erstrecht im Sommer!). Dann wurde das dampfende Wasser in eine Badewanne, die einer Riesenschild-

kröte ähnelte, gegossen und mit kaltem Wasser vermischt. Angefangen bei der Ältesten, wurden wir drei der Reihe nach mit Kernseife verwöhnt und damit vielleicht der Mund mit ausgewischt (wegen der bösen Wörter!). Als Jüngster hatte ich das Vergnügen kalten, verschmutzten und hochseifigen Badewassers. Egal, es glänzten die Backen vor Aufregung und Sauberkeit.

Klingelingeling!

Endlich durften wir Kinder in das gute Zimmer einrücken. Obwohl Papa wieder mal auf den letzten Drücker nach Hause gekommen war (Geschäfte!), bedachte ihn Mutter mit einem gnädigen Blick was seinen guten Grund hatte. War ihr doch vor Tagen beim Aufräumen ganz zufällig die Kaufquittung des Goldschmieds von der anderen Straßenseite in die Hände gefallen. Das Papier drückte den Erwerb eines "Damenringes" aus! Ihr nicht sehr verwöhntes Frauenherz hüpfte da vor Freude und sie mutmaßte: 'Ob er mich doch noch liebt?'

Nun, wir standen endlich, wie die Orgelpfeifen, brav vor dem schönsten Christbaum der Welt, wenngleich zum Staunen keine Zeit blieb; erstmal musste gesungen werden! Warum nur sang meine Schwester das "Stille Nacht, heilige Nacht" so fürchterlich schräg? Das störte gewaltig die aufkeimende heilige Stimmung... Sogar Papa erwies sich als kooperativ und hauchte seine Bierfahne gesanglich aus.

Kaum dass der letzte Ton im Himmel angekommen sein mochte, durften wir uns jubelnd auf die bestimmt herrlichen Geschenke stürzen. Fein säuberlich war unterm Baum jedem sein Geschenkeplatz zugewiesen. Auf mich wartete - wie schon die vergangenen drei Jahre - (es sollte sich noch fünf weitere wiederholen!), der kleine, kreisrunde Schienenstrang mit Blecheisenbahn: Lok zum Aufziehen mit drei Waggons. Wie üblich, würde das dann im Verlaufe des Januars wieder über Nacht eingezogen und bis nächstes Weihnachten der himmlischen Asservatenkammer einverleibt werden. Jedes Kind freute sich über einen eigenen, bunten Weihnachtsteller. Gerecht abgezählt, fanden sich darauf drei Mandarinen, zwei Orangen und ein großer Apfel. Dazwischen lockten selbstgebackene Plätzchen (Spritzgebäck!), allerlei

Nüsse und süsse Zuckerkringel. Von anderen Tellern zu naschen, hieße höchsten Ärger auf sich zu ziehen! Über ein paar von Mutter gestrickte Handschuhe (Fäustlinge) und eine ganze Tafel Schokolade nur für mich allein, durfte ich mich weiter freuen.

Papa versuchte seiner künstlichen Freude Ausdruck zu verleihen und tat erstaunt über eine Krawatte, weinrot, die dritte ihrer Art - wie jedes 3ahr, und passend zum grauen Sonntagsanzug. Zufrieden registriere ich die Freudenhüpfer meiner Mutter über mein Bild und auch die von meinen Schwestern gestiftete Tortenplatte (ebenfalls die dritte oder vierte) kam offensichtlich an. Mutters ansonsten verkniffener Gesichtsausdruck konnte sich nur auf Papas Geschenk: sechs extratiefe Suppenteller (die mit Goldrand!) - "für unsere praktische Hausfrau!" beziehen. Suppenteller sind kein Damenring; der war wohl bei einer weniger praktischen Hausfrau gelandet?! Mit Hurrageschrei wurde ein Päckchen aus der "DDR" aufgerissen. Keine Ahnung, wie die an uns Bundesdeutsche gekommen waren. Darauf stand preußisch unmißverständlich: "Nicht vor Weihnachten öffnen!" Inhalt? Bitterschokolade von der Qualität unserer "Blockschokolade", kakaoähnlich, und einige Spitzendeckchen, die Mutti wieder mit der Welt versöhnten.

Während der kleine Ölofen ("Floh") in der Ecke Öldunst verbreitete und - leise und vertraut vor sich hinblubbernd - alles gab um das Zimmer zu wärmen, las Mutti noch Omas Brief (die aus Berlin) vor. Damit waren wir wieder in den aktuellen Kenntnisstand über ihre Krankheiten gesetzt und erkannten sie auf dem kleinen schwarz-weiß-Foto einigermaßen wieder. Den Appetit aber konnte uns nichts verderben, denn nun gab's das obligatorische Weihnachtsabend-Essen: köstlicher Kartoffelsalat mit Wiener Würstchen und Knacker. Genau das richtige Abend-Mahl für den Schlaf. Als ich die Kerzen ausblasen durfte, war's soweit und beinahe wäre ich noch über den Blecheimer mit Wasser (zum Löschen, falls der Baum brennt!!) gestolpert. Meine Eltern legten dies als Müdigkeitserscheinung aus und kollektivartig lagen wir wenig später alle drei im Bett. Dennoch schnurrte meine Kinderseele: Das Zimmer roch so un-

vergleichlich nach Weihnachtlichem, morgen würde mein Spielzeug und mittags die Gans mit Knödel ("Spoutzen") auf mich warten.

Während mir die Augenlider schwer wurden, gab ich mich ganz dem geliebten Raunen, Zuprosten und Gelächter aus der Küche daneben hin. Das war meine Welt, und alles schien in größter Ordnung zu sein.

Ähnlich empfanden wohl auch die Nachbarn, die sich mit meinen Eltern an einer Riesenflasche Wermut (Geschenk von Geschäftsfreunden meines Vaters - alljährlich) gütlich taten. Ein paar "Kurze" und Biere halfen das Ganze herunterzuspülen, was die Fröhlichkeit erhöhte und zum Zigarettenrauch, der bis an meine Nase drang, zu gehören schien.

Friede, Freude, Eierkuchen war da und das Gefühl, ein besonderes Fest zu erleben - Weihnachten eben, wie immer... Weil irgendetwas gehörig fehlte und mir dies rechtzeitig einfiel, faltete ich meine Hände zum Gebet: "Danke, lieber Gott, für die Eisenbahn, für..."

Den Rest musste der Herrgott - wie so oft in meinem Leben - dem Herzen entlesen, denn ich war selig eingeschlafen.

Ein gesegnetes Christfest