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Urlaubsglück

URLAUBSGLÜCK

-"Auf dass es dir wohlergehe" -
 


Schon in Urlaub gewesen?

Anfangs der 60-er Jahre betörte uns die heisere Stimme des Adria-sängers Rocco Granata mit dem Ohrwurm "Marina" und lockte uns nach bella Italia an den Strand, zu Sohne und Meer. Zelt-, Campingplätze und Massenhotels in Spanien und an der Cóte d'Azur profitierten in den Siebzigern von deutscher Reiselust und der Eroberungsdrang in Shorts setzte sich in den Achtzigern ungebremst fort und ein sandalenbewehrtes Heer bundesdeutscher Heimatmüder schwemmt seitdem nicht nur den heimlichen Bundesstaat Mallorca, sondern der Trend über den großen Teich begann und man hüpfte gerne schon mal nach Nordafrika, um in Marokko die Berber trillern und in Tunesien die Taxifahrer jammern zu hören.

Um dies alles mitzumachen, liebe Reisefreunde, habe ich deshalb manchen Koffer verschlissen, weil die heute üblichen Rucksäcke waren damals mehr den Jägersleuten reserviert. Weil unsere Generation der "kalte Krieg" jahrelang schockgefrostet hat, waren Reiseziele gen Osten: Tschechoslowakei ("Tschechei") oder andere Länder jenseits des "eisernen Zaunes" eher verpönt. Seither hat sich das Mäuschen Freizeitbranche zu einem wahren Moloch entwickelt und vom Startpoint Germany schwärmen jährlich so viele alemannischen Friedlichinvasoren in alle Welt, dass du auffällst wenn du keiner der Eroberer bist. Dazu gesellt sich mit wachsender Beliebtheit die Pilgerei, weil sich manche fromm vorkommen dürfen, wenn sie einen Klosterstempel ins Tourenbüchlein gedrückt kriegen. Jeder wie er mag...

Aber halt! Da hat sich noch etwas getan: der Urlaub im eigenen Land, innerdeutsche Umtriebigkeit, Heimatpflege. Vielleicht weil uns manche der ausländischen Bedingungen und Erfahrungen wieder auf die "sichere" Seite zurückschieben?? "Urlaub auf Balkonien" wird ganz groß geschrieben! "Überall auf der Welt brenntxs und rumorts; wo kannst denn heut noch risikolos Urlaub machen?", brachte es ein Freund auf den Punkt. Stimmt! Unterm Hintern ein Kamel und hinter dir Unruhen zu haben, macht wenig Laune auf Pharaos Hinterlassenschaften im großen Sandkasten. Die Machtkämpfe und Volksaufstände im Nahen Osten reizen nicht mal mehr Kriegsreporter. Und was das Volk der Altphilosophen und der ungeordneten Finanzen, Griechenland, betrifft, hat sich der Reiz aufgebraucht, seit der Multireeder Aristoteles Onassis mit der hübschen Jacqueline Kennedy keinen Ouzo mehr trinkt. Auch was unseren Alpenstaat Österreich betrifft, bleibt 's deshalb bei der Fernbeobachtung, weil mir sowohl die Pickerl als auch potentielle Abzocke für geschätzte Geschwindigkeitsübertretungen ein Greuel sind. Auch wenn mir Italien via Pizza "beim Italiener" um die Ecke auf dem Teller geliefert wird, kann ich mir bei Eispreisen von neunzig Cent und mehr pro Kugel, eine Fahrt über den Brenner nicht mehr leisten. Was den Rentner-Geheimtipp Ungarn betrifft, so haben die sich mit der Drosselung der Pressefreiheit kein gutes Zeugnis ausgestellt und mit mir bleiben viele solvente Ü-60-er zu Hause und verprassen das Geld hier.

Der 'Rote Platz' in Russland wird deshalb von mir unbetreten bleiben, weil ich dem kalten Untergrundkapitalismus und seinen Auswirkungen nicht traue und ich den Putin nicht so gut kenne, wie es Schröder glaubt zu tun. Da bleibe ich lieber weg. Würden mich die Preise Dänemarks so annehmbar ansprechen wie das Volk, wär's gut und um das "Hallo" der von mir sehr geschätzten Holländer zu hören, muß ich nicht an die Nordsee "jachteln", wie die Pfälzer sagen. Außerdem kommen die mit ihren rollenden Häusern zu uns und fahren - so wie ich - auch nicht so gerne nach Frankreich weiter, weil exakt ab der Grenze dorthin der Euro einen dramatischen Wertverlust erleidet! In der Schweiz die Fränkli ständig in unsere Währung umrechnen zu müssen, vermiest mir gehörig die Freude an Röstli und Schaukäsereien der Eidgenossen von Außerhalb. Wohin die Reise meines Geschreibsels geht, werden Sie sich langsam denken können: ICH BLEIBE IM LANDE... und ernähre mich redlich nach inländischer Speisekarte, erfreue mich der alt-vertrauten Postkarten-Idyllen, fürchte keine Autopanne, weil sich meine Werkstatt zwei Straßen weiter befindet und habe Euros und Kostenspiegel voll im Griff! Balkonien heißt das Zauberland!

Frühstücken nicht nur wann, sondern was und soviel ich will. Wie in Amerika bekomme ich Gratis-Kaffee ständig nachgeschenkt und das ohne Trinkgeld, weil der Service meiner Frau so freundlich und verlässlich ist. Wenn ich dann in Seelenruhe in physiologisch passiver Neugier genüßlich jeden Buchstaben aus der Zeitung lutsche, ergreift mich grenzenlose Dankbarkeit darüber, all dies, was da in Rotbuchstaben geschrieben steht, nicht unmittelbar miterleben zu müssen: Katastrophen, Unfälle, Staus, Aufstände, Unruhen, Streiks, unverschämte Preise, Maut-Raubrittertum, Massenbewegungen und -Abfertigungen in Vier-Sterne-Hotels, die bei uns dem "Hirschen" im nächsten Dorf nicht das Wasser reichen können. Kein Wetter verhagelt meine gute Laune, die guten Klamotten, die ich nicht bekleckern darf, bleiben im Schrank und ich wende mich meiner Küche zu, um uns einen Cappuccino aufzubereiten. Dabei erschnuppere ich schon mal das leckere Menue, namens Hausmannskost, welches bald meinen ungestressten Magen erfreuen wird. Nachmittags wird ein unhastiger Spaziergang in herrlicher, deutscher Natur absoviert und ersetze abends die etwas merkwürdige Nach-

barschaft durch strahlende Gesichter guter Freunde beim Grillfest. Bei französischer Schmusemusik duften dann polnische Würste, lacht dänisches Brot sich krümelig, konkurrieren südländische Schmankerl miteinander, liegen friedlich neben Steaks aus dem Amiland, gewürzt mit mexikanischem Ketchup, Mayo aus den Niederlanden, Pilze aus (?), usw. Die Welt liegt auf dem Grill! Die Sonnenbräune ohne Länderflagge holst du dir zwischen Balkonkästen und Rotwein vom Aldi (der Gute!) oder neben Gurkenbeeten. Da die Sonne kein Fußballer ist und damit nicht käuflich, ist es ihr wurscht an wen und wohin sie ihre Strahlen verschenkt.

"Man spricht deutsch!" auf Balkonien und ich kann mir VH-Fremd-sprachenkurse ersparen. Handy wird abgestellt und E-Mails schlichtweg zu Spams erklärt. Ach tut das gut! Kein Stress, kein Straßenkrieg, keine nervigen Werbefritzen, keine verkorksten Mahlzeiten oder überteuerte Getränke, kein muffiges Personal, keine durchgelegten Matratzen mit Sportflecken, kein Kindergarten im Nebenzimmer, keine Dudelmusik aus einem Wohnwagen ne-bendran. Mein Leib-Magen-Unverzicht-Fernsehprogramm ist eingestellt und die Lautstärke meinem Hörvermögen angepasst. Kulturspritzen verpassen wir uns - bei sanftem Bedarf - in Museentempeln, durch Burgeroberungen oder Tradition pur, die wir dann in bayerischen, östlichen oder westlichen Gefilden (nördlich ist mir dann schon auslandsverdächtig!), fröhlich an uns heranlassen. Unter Schwarz-Rot-Gold ist gut ins Gespräch zu kommen. Obwohl unter Landsleuten, kommt man sich wie ein begehrter Tourist vor, obwohl man sich vielleicht nur in der 30 km entfernten nächsten Kleinstadt in der Fußgängerzone Kaffee und Kuchen servieren und munden lässt und sich kurzweilig den interessanten Gangbildern und Mimiken der Vorbeischlendernden (bestimmt arbeiten einige von denen?!) widmen kann. Und Bauarbeitern bei der Malo-che zuzusehen, verstärkt das Gefühl von Urlaub enorm. Neidische Blicke? Hab ich mir verdient!

Sollte der Notfall eintreten, dass uns "auf Balkonien" doch noch die Decke auf den Kopf zu fallen droht, packen wir einfach ein paar notwendige Utensilien (Zahnbürste, Rasierer, Beinwell-Salbe und wärmere Unterhosen - man weiß ja nie!) in ein Book-Case, um eine liebe Verwandtschaft mit einem Jahrzehnte-Besuch zu beehren. Auch da: Null Sprach- und Themenprobleme und Aufmerksamkeiten aller Art inklusive, weil doch Blut dicker als Wasser ist...

Wenn's Leib und Seele so gut geht, soll auch der Geist etwas davon haben! Also buche ich die natürlich-schönen Seiten des Lebens und lausche dem Frohgesang eines Vögleins, verschmelze auf der Bank im Grünen mit den Wipfeln der Bäume, auf die ich schaue und danke entspannt dem Herrn im Himmel, dass es mir sooo gut geht. Die Kathedrale offener Natur, mit blauem Himmelsdach, ist dann meine Kirche, ich lausche den Chorälen der Bäume, Gräser und Quellen und weiß mich in der Kraft dessen aufgehoben, der mich segnet da, wo Er mich hingesetzt hat: zu Hause.

Danke, lieber Gott, und ich glaube, nächstes Jahr buche ich diesen Urlaub wieder, wenn's Dir recht ist.

gerhard krause