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0113

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Allein und verlassen

Weihnachten liegt hinter uns und damit für viele Menschen auf unserer Welt der gefürchtetste Tag des Jahres! Ist denn Weihnachten nicht ein Fest des Friedens, der Freude und Familie?
Gewiß, für jene, denen Frieden vergönnt und Familie gelassen ist, ja. Diese feiern freudig. Doch es gibt Herzen und Häuser, wo der Friede ausgekehrt scheint, wo persönliche Welten von Unversöhnlichkeit und Kälte durchzogen sind. Das Leben hat diesen lieblosen Zustand zugelassen. Hinter zu vielen Häusermauern nagen Zwistigkeiten an Familienbanden!
Mein Beruf führt mich zu Betroffenen, Menschen, die sich am sog. "hl. Abend" am liebsten in sich selbst verkriechen wür­den. Es sind Mütter, Väter, Kinder, fern dem Elternhaus. Sie gehören zu denen, die einen krassen Langzeitschmerz durchleiden: den der zerbrochenen Familie!

Ehen und Partnerschaften zerbrechen, Kinder verlassen ihr El­ternhaus im Streit- Auch Gevatter Tod tut das Seine, Wohnstu­ben mit Leere zu füllen. Dann verzehren sich Menschen, die sich als Opfer fühlen, vor Sehnsucht, schöpfen aus Erinnerun­gen, die wie schwarz/weiß-Bilder sind mit dem Effekt, als tränke man Salzwasser - es schmerzt nur noch mehr, weil die Begegnung fehlt. Einsamkeit ist soziales Sterben! Jede Trennung von einem geliebten Menschen, bewirkt eine bio­grafische Bruchstelle im Leben. Schier unauslöschlich frißt sich die Wunde in die Seele und das Brennen kann verdrängt, überdeckt oder wirksam gehalten werden. Die Schadstelle ist häufig nicht zu kitten, es bleibt eine Schmerzspur. Tage wie Weihnachten, Geburtstage oder der Jahreswechsel beuteln die Betroffenen zerbrochener Familien besonders arg. Wenn Eltern den Kontakt zu den eigenen Kindern nicht mehr haben, dann fühlen Vater oder Mutter wie der frühere Soldat, der sein Bein irgendwo in Rußland gelassen hat. Du bist als Eltern nicht mehr "ganz" und verweigerst das Begreifen, warum dein Kind weder eine Weihnachts- noch sonsteine Grußkarte für dich übrig hat.
"Kleine Kinder treten dir auf die Füße, große auf's Herz", sagt eine bayerische Weisheit.
"Ihr Kinder, seid euren Eltern gehorsam. Denn so entspricht es dem Willen Gottes. Ehre deinen Vater und deine Mutter!"
(Eph.6:l)
Oh wie ausdrücklich unterstreicht der allerhöchste Gesetz­geber diese Pflicht, denn dies ist das einzige Gebot, mit dem die Verheißung verknüpft ist: "Damit es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden."
Seine Eltern zu verwerfen, sie zu mißachten wirkt sich demnach recht ungünstig auf das Wohlbefinden und Lebenszeit aus?! GOTT ist kein Lügner!, also glaube es wohl! Schon von daher kann ich verbitterten Eltern nur raten, soweit möglich eine Beziehungsbereitschaft zum eigenen Kinde -egal wie alt dieses ist - zu öffnen. Denn daraus bleibt dem Vater, der Mutter die gute Tat, das eigene Fleisch und Blut vor starken Unannehmlichkeiten zu bewahren. Sofern diese Option freilich genutzt wird, denn Nachkommen scheinen talentierter für Dickschädeligkeit zu sein und nicht wenige "be­strafen" ihre Eltern für vermeintliche oder tatsächliche Erziehungsfehler oder -Sünden durch künstliche Beziehungslosigkeit.

      "Zuerst lieben die Kinder ihre Eltern. Nach einer gewisse
       Zeit fällen sie ihr Urteil über sie. Und selten, wenn überhaupt
      je, verzeihen sie ihnen."
      Oscar Wilde

Gottes Schutzbrief,was den Respekt vor Eltern betrifft, er­spart denen aber nicht ein Wohlverhalten, wie es im selbigen Epheserkapitel ausgedrückt ist: "Ihr Väter, erwecket nicht das Gefühl der Verbitterung in den Herzen eurer Kinder, sondern erzieht sie so, dass ihr sie in einer Art unterweiset, wie sie den Kindern angepasst ist, und ihnen die rechte Einsicht in der Lehre des Herrn vermittelt."
Es mag gerecht sein, Kinder alle gleich zu behandeln, doch der Umgang mit Seelen verlangt mehr: ein spezielles Ein­fühlungsvermögen und sensibler Umgang mit der Individuali­tät . In uns allen steckt ein Geist und keiner ist wie der andere. Benötigt das eine Kind das gestrenge Wort und eine enge Ordnung, genügt dem anderen Kind ein sagender Blick. Als Psychologe rate ich Eltern zu den "3 Z" - Zeit, Zärt­lichkeit, Zukunftsperspektiven. Wenn du als Vater oder Mut­ter deinem Kinde "die Lehre des Herrn" und "die rechte Ein­sicht" zu vermitteln verstehst, dann verweist du auf^s al­lerbeste auf die vielversprechendste aller Zukunftsperspek­tiven - die Aussicht auf GOTT!
Elternschaft heißt Erziehungsauftrag. Gottes Erziehungsprin­zip taugt erstrecht für uns: Liebe - Ordnung - Strenge. Strenge dann, wenn die Ordnung nicht eingehalten wird. Liebe? Immer!
Neun von zehn Kindern - so eine repräsentative Studie ("medizini") regt es hierzulande total auf, wenn sie von ihren Eltern ungerecht behandelt werden. Zündstoff auch der Ton! Laut einer Ärgernis-Rangliste stört sich der Nachwuchs bereits im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren zu 85% sehr am elterlichen Geschimpfe und vier von fünf der Jungmenschen finden es extrem schlimm, von ihren Eltern angeschrien zu werden. O.k., dann sprechen wir doch so: "Du, Kind, magst nicht geschimpft oder angeschrien werden?! Gut, dann können wir ja jetzt ganz ruhig miteinander reden...”
Zu viele Kinder wurden und werden aus ihrem Zuhause hinausgebrüllt.
Kehren wir zu den Nachdenklichkeiten zu Beginn des Arti­kels zurück: Einsamkeit, Verlassenheit, Sehnsucht, aber auch Einsicht und Reue. Was so einen zurückgelassenen Menschen - was keine Altersfrage ist - bewegt, nennen wir das "Empty-Nest-Syndrom" Eine Art Depression, wenn die Abwesenheit der Kinder nicht verkraftet wird. Je länger eine Trennung währt, desto schwieriger wird es, sich von Zorn, Unverständnis oder Ablehnung zu lösen. Die Spaltung zementiert sich, eine Art Gleichgültigkeit droht und würde damit alles eliminiert werden, was einst von Bedeutung war!
Jeder in dieser Situation ist gut beraten, Ursachen und Versäumnisse zuerst bei sich selbst zu suchen. Der Unterschied zwischen Gleichgültigkeit und Reue, liegt im Umgang mit der Schuld!
So strecke denn, oh lieber, leidender Mensch, deine Hände
zur Versöhnung aus, solange sie noch warm sind...! Und
entsinne dich des alten Ratschlags: "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!" Wer mag nicht daran glauben, dass Eltern vernünftiger, weiser und geduldiger sein können oder sein sollten als Kinder? Dann beweise es, überwinde nicht dich, sondern deine Gekränktheit, dein Verletztsein, nur das! Bitte die Allmacht um Kraft in diesem Akt der Annäherung und wisse: damit hast du Stärke und nicht Schwäche und ein wahres Mutter- oder Vaterherz bewiesen. Es lohnt sich, denn nichts ist tragischer, als in Einsamkeit zu erkalten und womöglich aus solcher Stimmung die Reise ins Jenseits anzutreten. Denn das Jenseits verzeiht nicht die Versäumnisse im Diesseits. Die wahre menschliche Natur fühlt sich in der Gemeinschaft geborgen, erstrecht im Familiennest. Wissenschaftlich nennt man das positive Sozialität. Ich nenne es gelebte Nächstenliebe.
gerhard krause