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0112

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Der Wandel des Cornelius

So kurz vor Weihnachten sind alle Tage recht anstrengend gewesen, doch heute, der 24.Dezember, forderte den alten Dorfpfarrer bis an die Grenzen seiner Kräfte. Da saß er nun, weit nach Mitternacht am Stubenfenster seines auch schon betagten Pfarrhauses und vor lauter Hinausschauen in das Schneegestöber, waren ihm die müden Augen ständig am Zufallen. Schwer in Gedanken gekommen war er, der Gottesmann, und weil's Weihnachten und auch noch der, Heilige Abend' war erinnerte er sich der vielen Jahre, der er diesem kleinen Bergdorf lein als Seelsorger schon vorstand. Leicht war's nie gewesen mit dem etwas halsstarrigen Bergvölklein, von denen er die meisten schon über das Taufbecken gehalten hatte. Gelohnt haben sie's ihm selten: sein einfaches aber gepflegtes Kirchlein, war des sonntags und auch sonst fast leer. Keine Zeit hätten sie, so sagten die Bauern und die paar Kleinhändler und der Gastwirt sowieso. Kein Wunder wenn's den Kindern ein schlechtes Vorbild war und sie sich schon in jungen Jahren anderem, offenbar interessanterem, als es die Kirche zu bieten hatte, zuwandten. Und dann war die Art der Dörfler garnicht geeignet, sich in Frieden, Harmonie und Gottesanbetung als eine Gemeinde zu geben. Neidisch aufeinander waren's, die "Querköpf", wie sie der Pfarrer manchesmal von der Kanzel bezeichnet hatte und zur Mißgunst kam noch die Ausmacherei dass immer einer etwas über den anderen wußte. Wäre da nicht das alte Brauchtum mit der Gewohnheit, Festalitäten mit einem Gottesdienst abzuschließen, würde garkeine Frömmigkeit mehr zu erkennen sein. So war aus dem Pfarrer ein bekümmerter Mann geworden der sich redlich mühte, den Leuten wenigstens die großen Kirchenfeste schmackhaft zu machen. Allerdings mit mäßigem Erfolg, wie schon erwähnt. Heute, in der letzten Messe zur Mitternacht, verkündete er überraschenderweise "was ganz besonders", was die Kirchenbesucher anderntags in der Kirche würden erleben dürfen. Als hätte ihn der Hafer gestochen, kam ihm diese Ankündigung aus dem Mund, wo er in Wahrheit so gar keine Idee hatte und sich selber nicht erklären konnte, warum er das in die spärlich besetzten Kirchenbänke hineingesprochen hat. Na ja, er wollte wohl das Gotteshaus endlich mal wieder voller sehen... Über all das Sinnieren und Hinausstarren in den lustigen Taumel der Schneeflocken, mußte er wohl eingeschlafen sein und so dauerte es ein bisschen, bis er die Stimme - wie aus weiter Ferne und durch Nebel - immer deutlicher vernahm: "Cornelius, Cornelius". Erschrocken riß er seine Augen auf und glaubte draußen, ganz nah am Häuschen, eine helle Gestalt zu sehen. Bestimmt spielte ihm der Schneefall einen Streich und gaukelte ihm bizzare Bilder vor, redete er sich ein und das Licht kam bestimmt von der Lampe, gleich neben seiner Haustür. Er schloß die Augen, öffnete sie wieder und...dieses merkwürdige Wesen war immer noch da! Da wurde ihm ganz warm um's Herz und es schoß ihm durch den Kopf: das muß ein Engel sein! Ach nein, schalt er sich, die gibt's doch nicht, nicht hier, nicht für ihn... Wahrscheinlich träume ich. Ja aber habe ich denn nicht mein Leben lang meinen Pfarrkindern von Engeln erzählt - erst heute wieder, als die Rede von den Engeln war, die den Hirten auf dem Feld den Weg zum Jesuskind wiesen? Wie kann ich zweifeln, schalt er sich. 'Weil du nur noch erzählst, aber nicht glaubst, weil Gottesboten für dich Schriftzeichen und Bilder sind, sie aber in dir keinen wirklichen Platz haben, Cornelius.'

Ja war das denn die Möglichkeit? Das Wesen bewegte nicht den Mund und doch konnte er die Worte hören, nein, in sich fühlen! Nun war er sicher, einen Engel vor sich zu haben und schließlich war doch Weihnachten! Ganz verwirrt war das Pfarrerlein und es schien ihm angebracht nun zu sagen: "Das Jesuskindlein ist geboren; ich will's ehren und mich hinknien in Demut und Anbetung!" Das waren Worte des Krippenspiels, wie's früher noch abgehalten worden war und die schienen ihm angebracht in dieser Situation. Doch das Lächeln des Engels wich einem ernsten Gesichtsausdruck und abermals vernahm der Pfarrer in sich Worte: 'Ach lieber Cornelius, gebührt denn nicht alle Ehre Gott dem Herrn? Weder als Kindlein noch in seiner Mission als Erlöser, suchte Jesus Christus die Anbetung und Ehrung. Geboren in Bethlehems Stall, nicht auf einem Throne sitzend ist er auf die Menschheit zugegangen! Gleich dem Kometen, führt er als geistiges Licht alle zum Heil. Dir feiert das Kindlein auf Stroh, doch handelt es sich um die größte Liebestat, von kosmischer Bedeutung dessen, der sitzet zur Rechten Gottes!' Da dämmerte es dem Seelsorger, mit welcher Verkitschung das Christfest verknüpft war und welcher Verkennung der wahren Bedeutung der Menschwerdung Christi Jesu, auch er im Laufe der Zeit aufgesessen war. Alles war so üblich geworden, so einstudiert, so gedankenlos übertragen worden auf die, welche noch auf Weihnachten schauten, für die nicht nur ein paar freie Tage im Kalender rot vermerkt waren. Ganz beschämt und als hätte man sein Denken von einem Schleier befreit, presste der alte Mann sein Gesicht gegen die kühle Fensterscheibe und weinte gar bitterlich. Da war ihm, als streichle eine sanfte Hand zärtlich über seine Seele und ein tiefer, innerer Friede ließ seine Tränen versiegen und er fühlte eine unaussprechliche Verbundenheit zu dieser Lichtgestalt die, begann, sich im wilden Tanz der Schneeflocken aufzulösen.

Kräftig und beschwingter denn je zuvor, tönten die Kirchenglocken des dörflichen Pfarrkirchleins nach 'heiliger Nacht' in den strahlenden Wintermorgen und jeder Ton war ein Ruf und jeder Ruf erreichte einen der weihnachtlich aufgelegten Dorfbewohner. Und was sich auch später nicht einer so recht erklären konnte, geschah in Wirklichkeit: Die Alten wie die Jungen, die Armen und die Habenden, die Besinnlichen wie die Aufgedrehten, alle fühlten sich von großer Lust erfasst, sich aufzumachen dem Rufen der Glocken nachzugeben! Es war dem Pfarrer schon lange nicht mehr vorgekommen, vor dichtbesetzten Bänken eine Messe abhalten zu können und es war einerseits eine unsägliche Freude in ihm, andererseits die große Nachdenklichkeit eines Menschen, der sonderliches, eigentlich wunderbares erlebt hatte - die Begegnung mit einem Himmelswesen! Lächelnd beobachtete er die erstaunten Blicke seiner Gemeinde, weil doch die alljährliche Krippe - die geschnitzten Figuren mit allerlei Tieren, bunten Lämpchen und manchem Schnickschnack rund um ein wächsernes Jesuskind im künstlichen Stroh - wohl über Nacht abgebaut worden war und dafür nun ein großes Holzkreuz vor dem Seitenaltar stand. Über den Querbalken des Kreuzes war ein Spruchband geschwungen auf dem stand mit großen Buchstaben zu lesen: "Der für uns geboren, ist für uns gestorben. Jesus Christus - Halleluja!" Nach der Besonderheit, gab's eine Predigt, die allen ins Verständnis gebracht wurde. Von Gottesboten erzählte ihr Pfarrer, aber anders als sonst. Mit großem Respekt und feuchten Augen warb er für die Vorstellung, dass die Engel immer waren und sind, seit es Menschen gibt die bereit sind sie als beschützende, tröstende, lehrende, heilende und führende Lichtwesen anzunehmen, die Helferschar, von Gott gesandt! Da staunten die Bergler und doch konnte selbst die einfachste Natur unter ihnen begreifen, was der Pfarrer zu sagen hatte und zum erstenmal war ein Gleichklang, ein Friede und eine Zufriedenheit in die Herzen eingekehrt und es wär' jetzt keinem der fröhlich singenden Menschen auszureden gewesen, dass sich justament hier, in ihrem Bergdorf, viele von diesen guten Wesen aufhalten und noch niemals zuvor hatte die Weihnachtsbotschaft einen solch süßen Klang, wie heuer.

Wäre noch nachzutragen, dass sich die bischöfliche Verantwortlichkeit schwer tat, sich mit den "unüblichen Methoden" des alten Pfarrherrn abzufinden. Doch weil's ja nur einmal im Jahr sein sollte - immer zur Weihnacht" - und ein glaubensmüdes Dorf lein in der Lebendigkeit eines Geistes erblüht war und sich sogar der neue Kirchenchor vor Nachwuchs kaum retten konnte, nahm man's halt hin mit den neuen Sitten, von denen Cornelius allerdings behauptete, es wären uralte...

Übrigens behielt er sein Geheimnis: die Begegnung mit einem Gottesboten und die Belehrung, bis an sein Lebensende für sich; vielleicht ein bisserl deshalb, weil er Angst hatte, alles könnte doch eine Sinnestäuschung gewesen sein?! Manches Glaubensgebäude bezieht Stand und Festigkeit daraus, unversehrt und ungeprüft gehalten zu werden und Pfarrer, die sind auch nur Menschen...

Ihnen und euch allen ein gesegnetes Christfest

gerhard krause