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0111

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Klösterliches

Aufgewachsen in und geprägt von einer Klosterstadt, nötigen mir die historischen Leistungen fleißiger Ordensleute eine gehörige Achtung ab. Land- und Forstwirtschaft, Weinbau, Fisch- und Viehzucht verdanken große Teile ihrer Qualität dem Schaffen im Habit und querweltein verweisen unübersehbare Bauwerke ein großzügiges Denken und die Absicht, auch mittels aufgetürmter Steine Gott näher zu kommen.
Auch die menschliche Variante ist nicht uninteressant. Fand doch mancher Herrscher Ruhe und Ausgleich vor weltlichen Querelen und Nachstellungen, hinter uneinnehmbaren, weil sakralen Pforten.

Gott weiß, ob's Idealismus, Frömmigkeit oder Überdruss des Welt­lichen war oder ist, was Menschen zu Klosterbrüder oder Schwestern werden lässt. "Ora et labora"ist nicht irgendein cooler Spruch, sondern Leitsatz eines möglichst lebenslangen Vertrages, der über die "ewige Profess" mit dem Höchsten vereinbart wird.

Wer sich mit monastischer Historie befasst, gerät ins Staunen! Zwar dürften die Zeiten endgültig vorbei sein, wo man zumindest
jedes zehnte Kindlein einer Ordensschaft übergibt und damit ein Esser weniger in der armen Familie zu versorgen war. Auch werden doch keine unliebsamen Zeitgenossen oder politisch bedenkliche Thronspieker hinter dicke Klostermauern verfrachtet, wie es jahrhundertelang Usus war, oder? Den Ordensleuten mag's recht gewesen sein, denn sowohl "reichlich Zuschuss" als auch "Händ' zum Werken" waren stets willkommen! Jeder Laienbruder war ein Fulltime-Jobler mit Überstunden und in "Gottes Lohn"-Liste eingetragen. Nonnen übten sich in Kräuterkunde oder allerlei kunstvollen Stickereien für Altar- oder Talarstoffe. Welche im Geistlichenstand mit Tonsur, pflegten den spirituellen Teil und trugen mit Abt, Äbtissin oder Prior Verantwortlichkeiten, die viele von ihnen schon früher zum Managen verführten. Da erlitt manche Glaubenstiefe Schrammen, wenn sich Geldstücke daran rieben...

Heute zeugen überdimensionierte Klosteranlagen und ganze Wirtschaftsunternehmen mit klösterlichem Label, von frohem und gestrengem Schaffen und dafür, was nicht alles "zur Ehre Gottes" machbar ist. So weit, so gut.

Auch wenn's manchem unangenehm sein könnte, muß ich auf Jesus verweisen. Dieser Gottessohn, der schwitzend und in einfache Strassengewänder gehüllt durch den Staub wanderte, sich mitten unter "s Volk mischte und nie ein Kloster gegründet hat... Mit Leib und Seele gab er sich ein, entzog sich keinem Anspruch und lief nicht Gefahr, weltfremd zu werden. Seine "Zelle" für den stillen Austausch zum Vater, bereitete er i n sich und nut­zte die Stille der Nächte zur Besinnung und Selbstfindung. Die Gemeinschaft des Geistes, jene, die er hätte nur zu rufen brau­chen, wie er Pilatus später erklärte, versorgte ihn mit Kraft, die er den Notleidenden und Kranken direkt zufließen ließ. Außer dem Willen des einzelnen, lag nichts zwischen dem Heiland und erbarmungswürdigen Geschöpfen. Licht muß wandern, wenn es viele Pflänzlein erquicken soll. Das hat Jesus Christus getan.

Als der Herr nach seiner Auferstehung 40 Tage bei seinen Jüngern weilte, bereitete er sie auf das Apostelamt und den Aufbau einer Kirche vor, die ihre Bedeutung aus offener Dienerschaft und Präsenz zu ihren Gläubigen beziehen sollte. Ordensgemeinschaft und Klausur waren nicht vorgesehen. Ein griechischer Mönch verwies auf den Zweck seiner Bruderschaft, die Not der Welt durch stän­digen Gebetsappell; an die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, lindern zu wollen. Für Jesus dürfte dieses löbliche Ansinnen quasi eine "Nebenbei-Leistung" gewesen sein. Er war nicht abgeschottet, sondern zu erblicken, zu berühren, zu empfinden, zu erleben. Nächstenliebe erschöpft sich nicht im Wort und Wollen, sondern verfügt über gebende Hände.

Wie alles, bedient auch das Thema 'Kloster' zwei Meinungen. Ich kenne Menschen, sogar gute Christenmenschen, die zucken alleine bei dem Gedanken an ein Klosterleben entsetzt zusammen und bekommen förmlich Atemnot. Andere wiederum meinen durchaus beneidenswerte Lebensumstände, als Mönch oder Nonne, zu erkennen: Weltliche, profane Alltagssorgen prallen an den Klostermauern ab und bleiben draußen, eine ausreichende Versorgung in Edelqualität; gegenüberHartz IV ist gegeben, keine Steuererklärungen und überquellende Briefkästen voller werblicher Verführungen. Dafür Kontemplation pur, Stille und störfreie Zone und einen krisensicheren Platz außerhalb einer Gesellschaft, die halt das Gegenteil von all dem vorzieht.

Wer Klöster in vielen Orten unseres Landes, aber auch in Österreich und der Schweiz besichtigt und sich aufmerksam umsieht, wird einen modernen Trend entdecken: Wirtschaftssinn und Geschäftstüchtigkeit ist in "heiligen" Hallen ausgebrochen! Dass sanierungsbedürftige Altbauten mit meterdickem Mauerwerk und Feuchtigkeitsschäden ordentlich Geld für Renovierung und Erhalt bedürfen, versteht sich. Dass Fresken, historische Bücherbestände und unschätzbare Kunstwerke in jeglicher Form quasi kulturelles Erbe sind und Eintritt für die Bibliotheksbesichtigung genommen wird, ist nicht schwer zu verstehen. Auch den Kräuterschnaps nach uraltem Klosterrezept - was sonst? - will unter die Leute und dass manche Großklöster vom Biersaufen und Massenverzehr allerlei Fleischlichem in ihren Gaststätten reich geworden sind, finden viele ebenfalls sympathisch - es hat halt was Besonderes, im Klostergarten zu sitzen und ab und zu von einem zufriedenen Mönch abgelächelt zu werden. Doch inzwischen kannst du im Herzen mancher Klosteranlagen einen Aktionismus und profitablen Ideenreichtum entdecken, der alles schlägt, was sich die Privatwirtschaft noch leisten könnte.

Gästehäuser werden aus dem Boden gestampft, in die sich dann gestresste Seminaristen und Geschäftsleute einfinden. Diese verbrachten den anstrengenden Tag in Vorträgen und Seminaren, zu denen die klostereigenen Schulungs-Center einladen. Die heißen dann "St. Joseph" oder berufen sich auf die Patenschaft einer weiblichen Heiligen. Diese Einrichtungen mit vielleicht äbtissinialer (was für ein Wort!) Geschäftsführung, sind wiederum Produkte spezieller Gesellschaften, die sich auf solch lukrative Projekte fokusiert haben und es verstehen, die Finanzspritzen von Bund, Land, Denkmalbehörde, Wirtschaft, Spender -ach ja und Kirche, zu akquirieren, einzuteilen und auszugeben. Profis haben Sinn für "kulturelle Begegnungsstätten" zur "geistigen Orientierung". Die multifunktionalen Räumlichkeiten sind kostenverachtende Ausdrücke repräsentativer Tagungs- und Seminarstrukturen in Klöstern. Um den Bezug nicht zu verlieren, findet sich dann auch ein Räumlein mit Riesenkerze, das zum Versuch einlädt altmodisch zu beten.

Jeder Mensch ist ein Konsument, auch der fromme! Also gibt's den reich bestückten Klosterladen, der - wie alles was vier Wände hat, "einem bedeutenden Heiligen gewidmet" ist. Da gibt es wie eigentlich überall: "Interessantes, Köstliches, Schönes" und - das ist die exklusive Note - auch "Geistreiches". Klosterspezialitäten finden sich auch im "Klosterstüberl", wo unter wundervollem Kreuzgewölbe (da wandelten früher Mönche!) sich echte Tradition im Bierkrug, Weinglas oder auf der Schweinsbratenplatte wiederspiegelt. In der Schweiz findet sich dann noch eine "Schaukäserei", die all die Kundschaft aus den Pilgerbussen kaum aufzunehmen vermag und je nach Landschaft und Örtlichkeit, wo vor Jahrhunderten brave Mönchsleut Urwälder gerodet, Steine gehauen, Wald-, Wasser- oder Bodenbewirtschaftung mit starkem Glaubensrückhalt betrieben haben, haben heute nicht wenige Schwestern und Brüder im Herrn größte Mühe, bei all dem Verwaltungs- und Betreibungsstress noch ihre festen Gebete unterzukriegen. Ja, man hat's nicht leicht.

Keinem sei freilich der Erfolg mißgönnt und - ja - mancher Gewinn aus modernem Berufungs- (sprich Berufs-) Verständnis, fließt in gute Werke. Und doch kenne ich Äbte die unter Verdacht stehen, diese Vorstandsschaft deshalb aufgetragen bekommen zu haben, weil sie Dr. der Ökonomie sind. Zufall?

Dann kenne ich eine Äbtissin mit derartigem Aktionismus, dass sich ihr kleines Team altgedienter Nonnen wie in einem Karussell fühlen dürfte , weil jedes Jahr ein, zwei neue Projekte das Kloster aufreissen und an Stille, Frieden und Bedürftnislosigkeit längst nicht mehr gedacht werden kann. Dafür aber steht nun mitten aus jahrhundertelangem Dämmerschlaf gerissenem Innenhof des Klosters, ein wunderbar lauter und so kostspieliger Brunnen, dass man mit dem Geld locker z.B. einen süssen Blumen- und Gemüseladen mit Frischkost, zur Freude der spendenden Bevölkerung, hätte einrichten können. Wobei ich jetzt allerdings vergaß, dass im ehemaligen Klostergarten nun eine "Umweltschutz-Show-Anlage" für zahlendes Besuchervolk steht... Jedenfalls stehen dort neben dem Brunnen, wo sich Ordensgenerationen an den gottverherrlichenden Liedchen kleiner Piepmätze einst erfreut haben mögen, geschmackvoll gedeckte Tische im Freien, die den Gast zu gutem Mahl zu nicht schlechten Preisen einladen. Auch die modern und gehoben ausgestattete Klosterküche will beweisen, dass sie durchaus den Vergleich zu den meist ärmlicheren Gaststätten und Restaurants des Umfeldes, nicht zu scheuen braucht.

Die Zeit ist nicht aufzuhalten, sollte man meinen. Doch waren es nicht genau diese kleinen Kapellchen (die neuerdings fast allesamt geschlossen sind: Diebstahlsgefahr!), die etwas muffigen, hallenden Kirchen, die zum kleinen Plausch mit dem Herrgott einluden: denn der ist ja überall!, die manchmal geheimnisvollen Klosteranlagen, die zu ergründen immer ein kultureller Vitaminstoß ist, die uns Besuchern doch noch einen Rest von dem abrangen, was Zweck des Erbauens und Herzschlag der Erbauer waren: ein klein wenig Frömmigkeit, eine Ahnung von Demut und Hinwendung zu Gott?!

Jetzt verstehe ich, wie weitsichtig Jesus war, dass er nie einen Orden gründete und es vermied Mauern zu schaffen, hinter denen sich ganz bestimmt Nächstenliebe finden lässt, die sich aber nur nach Münzeinwurf öffnen. Gelobt sei Jesus Christus!

Herzlichst,  gerhard krause