kirche_head2
SEND_COVER

Nr.:

0107

zurück zum

Eine ehrenwerte Gesellschaft?

Es fällt auf, wie zungenflink Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft oder Gewerkschaften selbst horrende Fehlentscheidungen oder persönliches Versagen wegzureden versuchen. Es scheint sich bei namhaften Geld- oder Machtmanagern um einen merkwürdigen "Ehrenkodex" zu handeln, nur keinen Fehler einzugestehen und z.B. alles für gut und richtig zu deklarieren, was Arbeitsplätze vernichtet, soziale Härten verursacht, die eigene Position sichert oder massenhaft Geld einbringt. Hauptsache der Job ist gemacht.

Die vatikanische "Unfehlbarkeit" muß auf telegeübte Manager übergeschwappt sein. Man könnte meinen, nur noch für Arbeitskräfte mit einem Jahreseinkommen unter sieben Stellen, gelten legere Allgemeinerkenntnisse wie: "Irren ist menschlich", "jeder macht mal einen Fehler" oder "keiner ist perfekt!"
In Führungsetagen werden gewinnoptimierende Entscheidungen auch dann wie Dogmen verteidigt, wenn dabei Arbeitsplätze vernichtet werden und Kleine noch kleiner in Sozialbädern geschrumpft werden. Wie die Wolkenkratzer der Globalmonopolisten, deren Gebetbücher Geldscheinbündel und Losungen Selbstverherrlichungssprüche sind, in die Himmel wachsen, recken sich die Gehälter der Macher in unselige Höhen. Die Zeichensetzer der Zeit finden sich auf allen Gebieten: Obwohl eine Überprüfung von rund 90.000 Personenzügen eine Verspätung von einem Drittel aufzeigt, lobt ein Bahnchef seinen Unternehmensservice über den grünen Klee. Anstatt zerknirscht Besserung oder Verbesserungen zu geloben, werden 90.000 Tatsachen selbstherrlich mit dem Kommentar vom Tisch gewischt: "Keine Aussagekraft!" Nicht nur in der Machtpolitik werden Schiefläufe und Ausrutscher nicht einmal mehr erklärt, sodass sich Wähler wie Dummerchen und überflüssiges Volksbeiwerk vorkommen und schier verzweifeln möchten. Der gläserne Bürger steht zunehmend milchgläsernen Volksvertretern gegenüber, anstatt die Gemeinsamkeit und Geschlossenheit zu erleben. Vieles von dem, was zu Willy Brandts Zeiten für Scham und Rücktritt gesorgt hätte, wird vehement verteidigt und Gegnern mit anderen Parteiprogrammen von sich ablenkend die Schuld zugewiesen: "Haltet den Dieb!"

Einsicht? Reue? Eingeständnisse? Lernbereitschaft? Korrekturen? Das sind Ausnahmen geworden, zumindest was hör- und sichtbar ist. Wenn Supermanager Supermassenentlassungen mit gleichgültiger Miene verkünden und Gewerkschaftsbosse und -bossinnen ihrem Gänsehautjob nachgehen, dann kommt der kleine Arbeitnehmer in Gefahr, nicht mal mehr "im Schweiße seines Angesichtes" sein Brot verdienen zu können - weil er hat vielleicht keinen Brotberuf mehr. Ich bin dafür, dass jeder Ablasser eines coolen Spruches eine Woche das auszuführen hat, was er von anderen erwartet. Auch Albert Einstein mochte keine Sprücheklopfer: "Sie scheinen ein lebender Behälter aller leeren Ausdrücke zu sein, die unter Intellektuellen in diesem Lande in Mode sind" knottert er und wünscht sich "die Verwendung all dieser unseligen Geistlosigkeiten verbieten" zu können.

Was aber treibt Menschen, treibt fatalerweise manche Entscheidungsträger dazu an, sich als sakrosankt, als unberührbar und nicht kritikwürdig auszugeben? Wer oder was treibt Zeitgenossen in die unerträgliche Selbstüberschätzung, in Starrsinn und Streitlust, in Lügen und Ignoranz? Muß der neue Maßanzug aus Pseudoperfektion geschneidert sein?

Es ist dieses unsichtbare Ich, was oftmals ein Bein stellt, der uneinsichtige, renitente Geist, geplagt von einer gestörten Selbstwahrnehmung und blindem Spiegel. Nicht in Ordnung zu sein hat seinen Ausdruck, der nach Außen versprüht wird; "Externasierung" heißt das im Psychologenchinesisch - Hauptsache, man wirkt Rechthabend... Da kann ich als Fachmann nur "Qui bono" beitragen und fragen: Wem nutzt es? Keinem.

Die kurzen Beine einer Lüge mag der Mensch ja übersehen, doch GOTT übersieht nicht einmal einen Schatten! Der Schöpfer fällt auf keinen noch so bestechenden Spruch herein, durchblickt Taktiken und die wahren Motive der Vollmundigen und Täuscher. Des Höchsten Augen suchen nach Anderem, nach Einsicht und Reue, nach dem guten Willen das Richtige zu tun und Er mag das lernende, sich entwickelnde Geschöpf. Gnade, Barmherzigkeit und Problemlösungen sind himmlische Antworten dem, der zwar gestolpert ist und sich vergaloppiert hat, der aber zugeben kann: "Ich gebe zu, einen Fehler gemacht zu haben."

Wau! Wie oft hören wir das - oder besser gesagt, wie selten? Finden sich nicht für jeden von uns Gelegenheiten, solch eine Aussage zu machen? Es ist eine Erfahrung: Beim ersten Mal ist's oft sehr schwer, beim zweiten Mal schon leichter und dann... dann fühlt man sich einfach Klasse mit dieser Kunst und dem Mut der Selbsteinsicht. Tun wir doch für unsere Kinder, was für Christen Auftrag sein sollte und was Pestalozzi als "Erziehungsbeispiele" bezeichnet. Wahrheitsverdrehungen sind Pech am Schuh und bringen kein Glück. Seit Jesus wenden sich warnende Stimmen gegen "Ohrenbläser" und fürchten sich nicht Lügner zu entlarven, noch dafür Nachteile einstecken zu müssen. Allerdings bleibt dem Kritiker die eigene Leistung nicht erspart. Unerschrockenheit ist seltener geworden und Offenheit nicht selten verpönt. Obwohl George Orwell unter echter Freiheit verstand, das Recht für sich in Anspruch zu nehmen Leuten etwas zu sagen, was sie nicht hören wollen.

Nein, Richter sollte keiner sein wollen   - das gebührt einem Höheren. Schließlich könnte wohl jeder von uns seine Mängel- und Fehlerliste in Selbstbeurteilung schreiben. Dafür gibt es Gottes Mühlen, die bekanntlich langsam aber sicher malen. Sein eigenes Gewissen zur Qualität eines sanften Ruhekissens werden zu lassen, ist ein lebenslanges Vorhaben, ein Vorhaben, dem man sich entwinden kann, dem aber trotzdem jedes einzelne Geschöpf pflichtig ist und bleibt. Augenwischer, Schmeichler, Schönredner, Wahrheitsverdreher und Besserwisser sind uns allen deshalb eine echte Herausforderung, weil es sich lohnt für sie im Gebet zu bleiben. GOTT möge sie wenden und uns bewahren, zu solchen zu werden.

Einige lockere Worte Albert Einsteins möchten all jene unter Ihnen mit der gewissen Strenge versöhnen, ohne die dieses Thema kaum behandelt werden konnte. Widmen wir uns also seinem Appell an einen amerikanischen Verleger, aber irgendwie auch an uns: "Liebe Nachwelt!
Wenn ihr nicht gerechter, friedlicher und überhaupt vernünftiger sein werdet als wir es sind bzw. gewesen sind, so soll euch der Teufel holen. Diesen frommen Wunsch mit aller Hochachtung geäußert habend, bin ich euer (ehemaliger) Albert Einstein.
n

gerhard krause