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0104

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Keine Zeit zum sterben

Mag sein, dass man mit dem Älterwerden in rührseligen Momenten "näher am Wasser gebaut" hat. Was manche vielleicht als Weinerlichkeit abtun könnten, halte ich für einen Triumph der Gefühle, und es kann jedem passieren, so wie mir unlängst - und das zu meiner Überraschung!
Jeder hat so sein Erholungsprogramm. Mich entspannte kürzlich ein zu Herzen gehender Heimatfilm, der gekonnt etwas düstere Verhältnisse des  19.Jahrhunderts  auf  dem   Land  schilderte.   Ein  echter "Bayern-Schinken" würden manche zu diesem Fernsehstück sagen. Sei's drum. Was mich tief berührte, war das Lebensende eines armen Kleinbauern. Er, der sich als braver Christenmensch für Grund und Boden und seine Familie krummgeschuftet hatte, wurde letztendlich von seinen Kindern und deren hartherzigen Anhang als alter Mann davon gejagt wie ein räudiger Hund. Doch da gab's ein Töchterlein, welches in Wahrheit nicht sein Fleisch und Blut war   - wie's   halt manchmal so ist, und dahin begab er sich wie ein Bettler, weil er doch so einsam geworden war.
Ein paar Tage noch durfte er menschliche Wärme erfahren, bevor er, in Frieden gekommen mit allen und allem, sauber und irgendwie behütet, in einem Bett für immer einschlief.
Als dann die einfachen Leute vom Berg mit kehligen Lauten eine chansonsähnliche, getragene Melodie anstimmten, waren dem Heimgegangenen damit soviel Achtung und Nähe erwiesen, wie man es sich nur wünschen kann. Da kannst du vergessen, dass es "nur" eine filmische Begebenheit ist, wenn du davon ausgehst, dass es schließlich so war und manchmal sogar noch so ist!
Wie kommt es, dass das Sterben mit soviel Würde und Ruhe versehen sein kann? Selbst in einem abgelegenen Zipfel des Bayernlandes aufgewachsen, habe ich manches Sterben in ländlicher und höchst einfacher Kultur miterlebt. Heute als Geistlicher bin ich begleitend und erlebe Verabschiedungen anders, beteiligter, bin den Seelen die beruhigende Handreichung schuldig. Doch eines berührt immer und ich kann es bezeugen: Wo der letzte Blick - und sei es ein innerlicher - zum Himmel geht und sich das doch wieder auf Null gebrachte Geschöpf-vielleicht zum letztenmal-in seinem Erdendasein in sich das Glaubenslicht entfacht, da ist der Blick weniger gepeinigt, nicht ängstlich, sondern einfach nur hoffend.
Die Hoffnung stirbt zuletzt? Nein, die Hoffnung ist eine bleibende Kraft, denn sie wächst stets über die Erfüllung einer Erwartung hinaus! Wenn wir uns dem Herrgott zuwenden, dann lassen wir uns auf eine Größe ein, deren Dimension keinen maximalen Punkt kennt; denn GOTT ist ewig, seine Liebe unendlich und wir werden bei allem Erleben immer einen Grund finden, weitere Hoffnungen in uns erblühen zu lassen. Denn wir werden niemals über die Allmacht hinauswachsen und sind wie Schwimmer in einem Meer, das zu durchqueren uns nicht möglich ist.
Der demütige Glaubensmensch, der freudige, bescheidene, der seine Bedeutung und sein Selbstbewußtsein nicht aus Eitelkeiten, weltlicher Anerkennung und Kontostand bezieht, hat den unvermeidbaren Abschied vom Leben von früh an - zu den Abschnitten des Schicksals gehörend, als natürlich und notwendig anerkannt.
Wenn Hektik und Aktionismus die Lebensgestaltung wie ein knallroter Faden durchzieht, wenn Jugendwahn und Materialismus die Kräfte binden, wird der Tod wie ein Feind empfunden. Es macht mir Gedanken, dass ich schwere Todeskämpfe meistens bei Menschen erlebt habe, die vermögend und vielleicht deshalb nicht in der Lage waren, einfach loszulassen. Je nachdem, auf welche Vorstellungen wir uns zu Lebzeiten eingelassen haben, ist der Weg ins Jenseits entweder mit Ängsten, oder mit hingebungsvollem, stillem Übergang gepflastert.
Sträuben, fluchen, verbittert und trotzig dem Herrn über Leben und Tod: GOTT, sein Recht verweigern zu wollen, bringt alles keinen einzigen Augenblick zusätzliche Lebenszeit!
Andere, so auch besagter Bauer, söhnen sich rechtzeitig aus, machen ihren Frieden mit der Welt, rechtzeitig, bevor die unerledigten Lasten ihre Seelen erschlagen könnten. Wer die Fesseln des Menschenkleides ohne peinvolles Aufbäumen abzustreifen versteht, muß ein großes Ziel vor sich haben. Dieses Ziel ist das, was Christus Jesus hat auferstehen lassen! Erinnern wir uns bitte daran: Wir sind 'Bürger des Himmels', gehören einer Heimat an, die den Geist erwartet und ihn bis in zur Glückseligkeit zu verwöhnen gedenkt.
Wozu sonst willst du Christ sein?
Es wurde von Sterbenden, soweit sie ansprechbar waren, immer gut verstanden, wenn ich ihnen vom Gang "aus einem Zimmer in ein anderes" erzählte. Trennen wir uns nicht sehr ungern von etwas, was wir kennen, was uns vertraut ist, worin wir uns wohl fühlen? Und war es nicht so, dass uns dann eine neue Umgebung, eine neue Wohnung und andere Lebensumstände nach einer Weile mit ihren Vorteilen und Reizen i . für sich gewonnen hatten und wir gar nicht mehr verstehen konnten, warum wir uns die Umstellung vormals so schwer gemacht hatten? Und dass diese Erde nicht Paradies und nicht das himmlische Gotteshaus ist, wissen wir doch...
Sie ist mir ein Vorbild, eine im Kloster altgewordene Nonne, die auf ihr "ach so verzichtsreiches Klosterleben" angesprochen worden war.
Hellauf lachend, wie ein frohes Kind klatschte sie in die Hände, war baff erstaunt über die Frage und rief strahlend aus: "Oh wird das schön, wenn der Himmelsvater mich holt! Da werde ich in reinster Art und tausendmal mehr erhalten, worauf ich hier verzichtet habe!"
Auch die Vergänglichkeit und das Vergängliche können geeignet sein uns zu erfreuen, wenn wir begreifen dass sie einer Zukunft dienen, zu der wir in Wahrheit gehören.
"Wer den Tod fürchtet, hat das Leben nicht verstanden. "
Und was sagt uns l.Kor. 15: 55,56? Lies nach, es lohnt, gerhard krause